Warum Arbeiten bis 70 verkappte Rentenkürzungen sind

Abschläge für jeden Fünften und jede Vierte

Die Bundesbank regt an, das Rentenalter bis 2070 auf 69 Jahre und vier Monate anzuheben. Dabei ist das gesetzliche Renteneinstiegsalter in den vergangenen Jahren bereits schrittweise angehoben worden und wird bis 2031 auf 67 Jahre steigen. Doch schon heute erreichen viele nicht die Regelaltersgrenze. Im Jahr 2017 gingen rund 21 Prozent der Männer und knapp 26 Prozent der Frauen mit teils hohen Abschlägen in den vorzeitigen Ruhestand. Das zeigt der Altersübergangsreport von Martin Brussig und Arthur Kaboth vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ), der auf einem von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Projekt basiert. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Das Renteneinstiegsalter für Männer lag 2017 im Schnitt bei 64,3 Jahren, für Frauen bei 64,4 Jahren. Die Werte sind seit 2013 nahezu konstant geblieben, wenn man den Einmaleffekt der Mütterrente herausrechnet. 
  • Dabei stellen die Forscher zwei gegenläufige Trends fest: Entweder gehen die Menschen so früh wie möglich in Rente oder erst nach Erreichen der Regelaltersgrenze. Die Zahl der Renteneintritte zwischen diesen beiden Zeitpunkten geht zurück. „Wer die Möglichkeit zum vorzeitigen Rentenbeginn hat, nutzt sie mit hoher Wahrscheinlichkeit, auch um den Preis von Rentenabschlägen“, schreiben Brussig und Kaboth.
  • Aktuell gehen im Schnitt 23 Prozent mit Abschlägen in Rente. Ein Jahrzehnt zuvor war der Anteil zwar fast doppelt so hoch. Das lag aber an besonderen Regeln für die Rente nach Altersteilzeit oder wegen Arbeitslosigkeit sowie inzwischen abgeschaffter Sonderregeln für Frauen.
  • Betrachtet man nur die langjährig Versicherten mit wenigstens 35 Versicherungsjahren, zeigt sich: Die Abschläge, die Ältere bei vorzeitigem Rentenbeginn in Kauf nehmen müssen, sind deutlich gestiegen. Zwischen 2004 und 2017 nahm die durchschnittliche Anzahl der sogenannten Abschlagsmonate um zehn zu, aktuell liegt sie bei etwa 27 Monaten. Jeder Monat, den man früher in Rente geht, mindert die Rentenbezüge um 0,3 Prozent.
  • Die 2012 eingeführte abschlagsfreie Altersrente für besonders langjährig Versicherte mit mindestens 45 Versicherungsjahren, haben 2015 fast 40 Prozent aller Männer genutzt. Damit war die sogenannte „Rente ab 63“ bei Männern die häufigste Rentenart im Jahr 2015. Bei Frauen machte sie über 20 Prozent aller Rentenzugänge aus.
  • Übergänge aus stabiler sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung in die Rente nehmen zwar zu. Der Grund dafür ist, dass die Erwerbsbeteiligung älterer Menschen insgesamt steigt, insbesondere bei Frauen. Allerdings: Dass Ältere direkt aus einem seit mindestens drei Jahren bestehenden stabilen Job in die Rente wechseln, ist nach wie vor nicht die Regel – dies war 2017 bei nur einem Drittel der Frauen der Fall und bei 40 Prozent der Männer. Die Übrigen waren in den drei Jahren vor Renteneintritt etwa arbeitslos, geringfügig oder nur vorübergehend beschäftigt.

Ob das Arbeiten bis zur Regelaltersgrenze möglich ist, hänge entscheidend von individuellen Ressourcen, betrieblichen Bedingungen und der Situation auf dem Arbeitsmarkt ab, lautet das Fazit der Forscher. Dort, wo eine Verlängerung der Beschäftigung nicht zumutbar ist, müsse der Übergang in die Rente sozial abgesichert sein.

Quelle: Arthur Kaboth, Martin Brussig: Trotz steigender Altersgrenzen stagniert das durchschnittliche Rentenzugangsalter, Altersübergangsreport 02/2019, November 2019