Nicht warten, bis am Ende der Tage die Freiheit winkt

Jahrbuch Gute Arbeit 2021

Kein Theater, kein Kino, kein Museum, geschlossene Restaurants und Cafés. Bei vielen macht sich eine Corona-Müdigkeit bemerkbar. Viele treiben auch Sorgen um: Wie sollen die Milliarden schweren Konjunkturpakete geschultert werden? Zu wessen Gunsten werden die Verteilungskämpfe ausgehen, die uns erwarten?

Die Corona-Krise trifft Deutschland inmitten anderer Krisen: Klimakrise, zunehmende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen, Beschäftigungskrise (Deutschland hat immer noch den größten Niedriglohnsektor in Europa), Erstarken von Rechtsextremen, Plünderung öffentlicher Güter. Und vieles mehr. Genau jetzt – und besser könnte der Zeitpunkt nicht sein – macht das Jahrbuch Gute Arbeit 2021 Demokratie zum Thema, genauer: die notwendige Demokratisierung in Betrieb und Gesellschaft.

Ist das ein guter Zeitpunkt? Ist Wirtschaftsdemokratie nicht ein Luxusthema, wenn die politische Demokratie unter Stress gerät, fragt Detlef Hensche in seinem Beitrag. Eine rhetorische Frage des ehemaligen Vorsitzenden der IG Medien. Gründe, sich gerade jetzt des Themas Demokratisierung anzunehmen, gibt es genug. Nicht zuletzt weil angesichts der Corona-Maßnahmen bleibende Demokratiedefizite drohen. Weil Unmengen Summen aus Steuermitteln in Unternehmen fließen, die zu einer weiteren gigantischen Umverteilung führen, wenn nicht endlich in Eigentums- und Verfügungsrechte eingegriffen wird. »Wo öffentliches Geld fließt, muss öffentliches Eigentum entstehen und öffentliche Einflussnahme folgen«, schreibt Hans-Jürgen Urban, Mitherausgeber und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall in seinem Beitrag. Eine umfassende Demokratisierung der Arbeit und der Wirtschaft erfordere einen radikalen Reformismus, der den Konflikt mit vorhandenen Eigentums- und Machtstrukturen nicht scheut. Noch einmal Hensche: »Wer nicht warten will, bis ihm nach einem  fremdbestimmten Arbeitsleben am Ende seiner Tage Freiheit winkt, muss emanzipatorischen Fortschritt in die eigenen Hände nehmen.«

Auch im Betrieb, wo von Demokratie keine Rede sein kann. Den Millionen Beschäftigten, die massiv von der Krise betroffen sind, wurde drastisch vor Augen geführt: Sie sind »nicht der Souverän«, fasst Christoph Schmitz, Mitherausgeber und Bundesvorstandsmitglied von ver.di, zusammen. An »den beiden tragenden Säulen des Herrschaftsgefüges wurde bisher nicht gerüttelt: am Eigentumsverhältnis und am Direktionsrecht.«

Demokratisierung ist ein steiniger und schwieriger Weg. Aber für Gewerkschaften kein Neuland. Es wird ein Projekt sein, das Anstrengung kosten und konfliktbeladen sein werde, betont Hensche. Und doch sei es ein lohnendes Projekt. Was wir dafür bekommen? Etwa unseren Besitz zurück, beispielsweise ein gut funktionierendes öffentliches Gesundheitssystem. So wie die Enteignung öffentlicher Güter nicht einfach über uns gekommen sei, so ließe sie sich auch wieder rückgängig machen.    

Es gibt einen weiteren Grund, warum sich Gegenwehr lohnt. Es ist gesünder, aufzubegehren, sich gewerkschaftlich zu organisieren und die Verhältnisse zu ändern. In diesem Sinn leistet das Jahrbuch Gute Arbeit 2021 »Demokratie in der Arbeit. Eine vergessene Dimension der Arbeitspolitik?« mit seinen 20 Texten einen wichtigen Beitrag gegen den Mehltau der Corona-Müdigkeit.

 

Die Herausgeber: Christoph Schmitz (ver.di) und Hans-Jürgen Urban (IG Metall): Gute Arbeit, Ausgabe 2021. »Demokratie in der Arbeit. Eine vergessene Dimension der Arbeitspolitik?«. 377 Seiten (gebunden), Bund-Verlag, Frankfurt am Main, ISBN 978-3-7663-6917-8, 39,90 Euro. Erscheint voraussichtlich am 14. Dezember 2020.