Krank zur Arbeit

Präsentismus und seine Folgen

Präsentismus hat viele Ursachen. „Viele Menschen arbeiten heute in prekären Beschäftigungsverhältnissen und haben daher die oft berechtigte Sorge, ihren Arbeitsplatz zu verlieren“, sagt Heiko Breitsohl von der Abteilung Personal, Führung und Organisation der Universität Klagenfurt. Die Untersuchungen zeigen aber auch andere Gründe auf: „Viele haben das Gefühl, dass sonst die Arbeit liegen bleibt und später umso geballter auf einen zukommt, oder sie haben ein starkes Verantwortungsgefühl gegenüber ihrer beruflichen Tätigkeit. In manchen Unternehmen gibt es auch Regelungen, die vorsehen, dass es sich lohnt, nicht in Krankenstand zu gehen. Dies sind beispielsweise Boni, die dann bezahlt werden, wenn man unter einer gewissen Anzahl an Krankenstandstagen bleibt.“ Oft sei es aber die Arbeitskultur in einem Team oder in einem Betrieb, die – eher unausgesprochen und zwischen den Zeilen – vermittelt, wie man sich zu verhalten hat. Orientierungshilfe bietet da häufig die Führungskraft: „Geht sie krank arbeiten, hat das Einfluss auf das eigene Verhalten“, führt Heiko Breitsohl aus. Die Frage, wie sich Präsentismus auf die Leistungsfähigkeit von Unternehmen auswirkt, steht nun zunehmend im Fokus der Forschung.
„Für die Organisationen ist Präsentismus mit Produktivitätsverlusten und damit entstehenden Kosten verbunden, da Arbeitnehmer*innen, die krank zur Arbeit gehen, nicht ihre normale Produktivität aufrechterhalten können. Auf individueller Ebene führt Präsentismus zu einer Verschlechterung der Gesundheit und zu darauffolgenden längeren Ausfallzeiten.“ Im Detail ist die Sache aber noch komplizierter, insbesondere ist es schwierig, die Folgen des Präsentismus konkret zu messen: „Präsentismus ist zum Teil ein unsichtbares Phänomen.“ In ihrer Arbeit „To work, or not to work, that is the question – Recent trends and avenues for research on presenteeism” zeigen Breitsohl und seine Kolleg*innen verschiedene Wege auf, wie sich Präsentismus und der damit einhergehende Produktivitätsverlust messen lassen können. Insbesondere sei es kritisch zu sehen, wenn die Höhe der Kosten des Präsentismus geschätzt werden. „Wir plädieren für einen sehr differenzierten Blick auf das Phänomen: In welchen sozialen und kulturellen Kontexten tritt das Phänomen wie auf? Wie können wir die Palette kontextueller Unterscheidungen noch breiter aufstellen? Um dem Präsentismus auf den Grund zu gehen, brauchen wir die aktive Zusammenarbeit vieler – auch disziplinärer – Perspektiven“, fasst Heiko Breitsohl zusammen.

Quelle: Universität Klagenfurt
Original-Publikation: S. A. Ruhle, H. Breitsohl, E. Aboagye, et.al. (2019) “To work, or not to work, that is the question” – Recent trends and avenues for research on presenteeism, European Journal of Work and Organizational Psychology, DOI: 10.1080/1359432X.2019.1704734