Husten, Fieber, Schnupfen und trotzdem zur Arbeit

Präsentismus ist in Deutschland verbreitet

Krankheitsbedingte Arbeitsausfälle sind für die deutsche Wirtschaft – nicht nur in der kalten Jahreszeit – ein nicht zu vernachlässigendes Problem. Im Jahr 2017 beliefen sich die entsprechenden Fehlzeiten für krankenversicherte Beschäftigte auf durchschnittlich 19,4 Tage. 53,4 Prozent der Beschäftigten meldeten sich mindestens einmal im Jahr krank, wie aus einem von Markus Meyer, Jenny Wenzel und Antje Schenkel veröffentlichten Beitrag im Fehlzeiten-Report 2018 hervorgeht.
Die krankheitsbedingte Abwesenheit vom Arbeitsplatz kann daher mit merklichen Produktivitätsverlusten einhergehen und nicht unerhebliche Kosten für Arbeitgeber und Krankenversicherungen verursachen. Daraus im Umkehrschluss zu folgern, dass niedrige Fehlzeiten per se eine gesunde Belegschaft widerspiegeln und für ein Unternehmen in jedem Fall von Vorteil sind, wäre jedoch voreilig. Denn Abwesenheitsstatistiken blenden naturgemäß diejenigen Beschäftigten aus, die trotz physischer und psychischer Leiden zur Arbeit erscheinen – ein Phänomen, das als Präsentismus bezeichnet wird.
Laut einer 2017 erschienenen Studie von Boris Hirsch, Daniel S. Lechmann und Claus Schnabel gaben im Jahr 2012 54,6 Prozent der Befragten an, mindestens einmal im Jahr krank zur Arbeit gekommen zu sein. Präsentismus ist mithin quantitativ kaum weniger bedeutend als krankheitsbedingte Abwesenheit. Im Schnitt waren es pro Beschäftigtem 6,3 Arbeitstage. Unter den Beschäftigten, die mindestens einmal im Jahr trotz Krankheit ihrer Arbeit nachgegangen sind, waren es 11,6 Tage. Präsentismus geht, ebenso wie krankheitsbedingte Abwesenheit, mit Produktivitätsverlusten einher. Diese Verluste können oftmals höher sein als die Kosten, die entstehen, wenn erkrankte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Hause bleiben und sich auskurieren. Denn gehen sie trotzdem zur Arbeit, laufen sie Gefahr, ihre Krankheit zu verschleppen und damit zu verschlimmern.
So fanden Claus D. Hansen und Johan H. Anderson in einer 2009 erschienenen Studie heraus, dass Personen, die öfter als sechsmal im Jahr krank zur Arbeit erscheinen, im Vergleich zu Personen, die nicht oder nur einmal im Jahr krank zur Arbeit erscheinen, eine um 74 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit aufweisen, später länger als zwei Monate krankheitsbedingt auszufallen. Dabei sind andere mögliche Einflussfaktoren wie der generelle Gesundheitszustand oder lange krankheitsbedingte Abwesenheit im Vorjahr herausgerechnet. Im Falle von übertragbaren Erkrankungen können erkrankte Beschäftigte zudem ihre Kolleginnen und Kollegen – oder gerade im Fall von Dienstleistungsberufen auch ihre Kundinnen und Kunden – anstecken.
Angesichts dieser möglichen Kosten für Beschäftigte, Unternehmen und Volkswirtschaft stellt sich die Frage, warum nicht wenige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer krank zur Arbeit gehen, obwohl sie legitime Gründe hätten, dies nicht zu tun.
Für das Auftreten von Präsentismus kann zum einen das individuelle Arbeitsethos, also die generelle Einstellung zur Arbeit, eine Rolle spielen. Beschäftigte erscheinen demnach womöglich aus einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl heraus krank zur Arbeit, weil sie die Kolleginnen und Kollegen nicht zusätzlich belasten möchten oder die Arbeit nicht liegen bleiben soll. Betriebliche Faktoren wie Unternehmenskultur oder Arbeitsbedingungen können ebenfalls Präsentismus beeinflussen. So könnte krankheitsbedingte Abwesenheit in einem Unternehmen, das die physische Anwesenheit der Beschäftigten als sehr wichtig erachtet, besonders argwöhnisch beäugt werden. Auch soziale Arbeitsbelastungen, die aus der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzten entstehen, und psychische Belastungen wie ein hoher Zeitdruck oder ein hoher Arbeitsanfall können eine Rolle spielen. Nicht zuletzt können konjunkturelle Faktoren Präsentismus begünstigen. So haben unter anderem Vincenzo Scoppa und Daniela Vuri in einer 2014 veröffentlichten Untersuchung zumindest für Italien festgestellt, dass die krankheitsbedingte Abwesenheit mit steigender Arbeitslosenquote sinkt. Demnach dürfte jedenfalls ein Teil der Beschäftigten, die krank zur Arbeit erscheinen, Angst davor haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, wenn sich die wirtschaftliche Lage ihres Arbeitgebers eintrübt und gleichzeitig die Chancen, woanders eine Stelle zu finden, gering sind. Dies könnte sie dazu motivieren, krank zur Arbeit zu gehen, um sich gegenüber ihrem Arbeitgeber in ein möglichst positives Licht zu rücken.
Aufschluss über die Verbreitung von Präsentismus und dessen Zusammenhang mit arbeitsbedingten Faktoren bietet eine Beschäftigtenbefragung aus dem Jahr 2017. Beschäftigte wurden dabei gefragt, ob sie im vergangenen Jahr mindestens einmal zur Arbeit gekommen sind, obwohl sie sich aufgrund ihres Gesundheitszustandes besser hätten krankmelden sollen. Die Ergebnisse bestätigen, dass Präsentismus aktuell in Deutschland stark verbreitet ist.

Quelle: IAB