Gleicher Beruf, gleiche Erfahrung - weniger Geld

Auswertung zum Equal Pay Day

Die Gehaltslücke lässt sich zum Teil damit erklären, dass die Entgelte in Berufen mit einem hohen Frauenanteil oft geringer ausfallen als in traditionellen Männerdomänen wie den technischen Berufen. Aber auch wenn Frauen den gleichen Beruf wählen und den gleichen Erfahrungsschatz gesammelt haben, hinkt ihr Gehalt dem der Männer oft deutlich hinterher. Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung von über 57.000 Datensätzen des Portals Lohnspiegel.de, das vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung betreut wird.
Besonders groß ist die Lücke mit 18 Prozent im Beruf Filial- oder Verkaufsstellenleiter/in: hier verdienen Männer mit 10 Jahren Berufserfahrung durchschnittlich 3.220 Euro brutto im Monat, Frauen hingegen nur 2.640 Euro (jeweils für eine 38-Stundenwoche, ohne Sonderzahlungen). Deutlich kleiner ist der Abstand mit 6 Prozent für Erzieherinnen und Erzieher; Sozialpädagoginnen haben einen Rückstand von 7 Prozent gegenüber Sozialpädagogen. Für andere in Deutschland weit verbreitete Berufe – beispielsweise Bürokaufleute, Juristen und Industriekaufleute – beträgt der Gender Pay Gap bei gleicher Berufserfahrung jeweils 10 Prozent oder mehr.
Ein wesentlicher Grund für den Gehaltsrückstand von Frauen ist die ungleiche Aufteilung der unbezahlten Sorgearbeit (Gender Care Gap), etwa bei der Kinderbetreuung, die das WSI in einem Report zum Stand der Gleichstellung in Deutschland* jüngst detailliert dokumentiert hat. „Frauen weichen deshalb im Job oft auf Teilzeit aus, was langfristig mit deutlichen Einbußen bei den Stundenlöhnen verbunden ist“, sagt PD Dr. Karin Schulze Buschoff, Mitautorin des Reports. Auch bei Beförderungen werden Frauen in Teilzeit häufig übergangen. Daneben spielt auch die blanke Diskriminierung von Frauen durch einzelne Arbeitgeber weiterhin eine Rolle. „Dazu kommt es insbesondere dann, wenn es im Betrieb keine klaren und transparenten Regeln zur Entgeltstruktur gibt“, so WSI-Forscherin Schulze Buschoff.  
Das Entgelttransparenzgesetz sollte dem entgegenwirken, wird in der Praxis aber bisher nur wenig genutzt und hat deshalb nach Forschungsergebnissen des WSI noch keine spürbaren Effekte gezeigt. „Der beste Weg zu fairen und für alle transparenten Löhnen sind und bleiben Tarifverträge“, sagt Dr. Malte Lübker, Experte für Tarif- und Einkommensanalysen am WSI. Tarifverträge unterschieden nicht zwischen Männern und Frauen und gelten – von Führungskräften abgesehen – für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in tarifgebundenen Betrieben gleichermaßen.
„Außerdem sehen viele Tarifverträge vor, dass Löhne und Gehälter mit wachsender Berufserfahrung automatisch steigen“, so WSI-Experte Lübker. „Das gilt unabhängig vom Geschlecht und auch für Beschäftigte in Teilzeit.“ Die WSI-Forscher beobachten deshalb mit Sorge, dass in Deutschland die Tarifbindung nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) auf zuletzt 54 Prozent (2018) gesunken ist. Im Jahr 2000 betrug der Anteil der Beschäftigten in tarifgebundenen Betrieben noch 68 Prozent. Beschäftigte in Branchen wie dem Einzelhandel (Tarifbindung: 36 Prozent) oder dem Großhandel und dem Kfz-Gewerbe (ebenfalls 36 Prozent) sind besonders stark davon betroffen, dass Arbeitgeber sich nicht an einen Tarifvertrag binden wollen. Bei öffentlichen Arbeitgebern sind Tarifverträge hingegen noch stärker verankert. So gilt für 59 Prozent der Beschäftigten im Bereich Gesundheit, Erziehung und Unterricht ein Tarifvertrag, in der öffentlichen Verwaltung sogar für 97 Prozent.

Quelle: WSI
Dietmar Hobler, Yvonne Lott, Svenja Pfahl, Karin Schulze Buschoff: Stand der Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland. WSI-Report Nr. 56, Februar 2020.

Helge Baumann, Christina Klenner, Tanja Schmidt: Entgeltgleichheit von Frauen und Männern. Wie wird das Entgelttransparenzgesetz in Betrieben umgesetzt? Eine Auswertung der WSI-Betriebsrätebefragung 2018, WSI-Report Nr. 45, Januar 2019.