Chancen auf dem Arbeitsmarkt bei psychischen Erkrankungen

Hohes Risiko, arbeitslos zu werden

28 Prozent der Erwachsenen erkranken im Laufe eines Jahres an einer psychischen Störung. Für eine 2014 erschienene Untersuchung haben Frank Jacobi und andere Forscherinnen und Forschern aus Epidemiologie, Psychologie, Psychiatrie und Neurologie Daten zur psychischen Gesundheit ausgewertet, die das Robert Koch-Institut im Rahmen seiner „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ erhoben hat.

Grundlage der Erhebung waren ausführliche klinische Interviews mit mehr als 5.000 Teilnehmenden aus der Grundgesamtheit der in Deutschland lebenden Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren. Nach den Ergebnissen aus der letzten Erhebungswelle zwischen 2008 und 2011 erkranken in Deutschland knapp 28 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 79 Jahren im Verlauf eines Jahres an einer psychischen Störung.

Zugrunde gelegt wurden hierbei international gültige Diagnosekriterien (Diagnostisches und Statistisches Manual psychischer Störungen, DSM-IV). Unter den Erkrankungen stellen Angststörungen die größte Gruppe dar, gefolgt von unipolaren Depressionen und Störungen durch übermäßigen Alkohol- oder Medikamentenkonsum. Mehr als ein Drittel der Betroffenen weist zudem Mehrfachdiagnosen auf.

Dabei lassen sich Unterschiede in der Häufigkeit nach Geschlecht, Alter und sozialer Schichtzugehörigkeit feststellen. So sind Frauen mit 33 Prozent häufiger betroffen als Männer mit 22 Prozent. Der Anteil der psychischen Störungen geht mit zunehmendem Alter zurück: Jüngere Menschen im Alter von 18 bis 34 Jahren erkranken häufiger, ältere Menschen zwischen 65 und 79 Jahren seltener als Menschen zwischen 35 und 49 Jahren. Menschen aus den unteren sozio-ökonomischen Schichten sind zudem stärker betroffen als die Mittelschicht. In der Oberschicht sind im Vergleich zur Mittelschicht weniger Frauen betroffen; für Männer trifft das nicht zu.
Ein früher Krankheitsbeginn kann langfristige Folgen haben Charakteristisch für psychische Erkrankungen sind deren Vielfalt und individuell unterschiedliche Verläufe. Nicht selten lassen sich komplexe Problemlagen bei den Betroffenen beschreiben. Psychische Erkrankungen beginnen häufig schon in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter und können über viele Jahre andauern. Ein früher Krankheitsbeginn wirkt sich nicht selten nachteilig auf Schul- und Ausbildungskarrieren aus. Insbesondere bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen und chronischen Verläufen steigt das Risiko, von sozialer und beruflicher Teilhabe ausgeschlossen zu sein.
Die Gesundheitsforscherinnen Uta Gühne und Steffi G. Riedel-Heller schätzen in einer im Jahr 2015 publizierten Expertise, dass in Deutschland etwa 500.000 bis eine Million Menschen davon betroffen sind. Neben Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis und bipolaren Störungen können auch Erkrankungen wie Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen sowie Persönlichkeitsstörungen schwere Verläufe annehmen. Psychische Erkrankungen können mit erheblichen negativen Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbssituation der Betroffenen verbunden sein. Die Autorinnen zeigen verschiedene Risiken für Personen mit schweren psychischen Störungen auf.
Die Betroffenen sind häufiger arbeitslos. Obwohl der überwiegende Teil der Menschen mit psychischen Erkrankungen arbeiten möchte, belegen deutsche und internationale Studien, dass die Arbeitslosigkeit in dieser Bevölkerungsgruppe überdurchschnittlich hoch ist. So zeigt eine Auswertung europäischer Studien von Steven Marwaha und Sonia Johnson aus dem Jahr 2004, dass die Erwerbsquoten bei Patientinnen und Patienten mit einer Schizophrenie in der Mehrheit der betrachteten Studien zwischen 10 und 20 Prozent liegen. In einem 2010 erschienenen Bericht der „Aktion psychisch Kranke“ wird festgestellt, dass schwer und chronisch psychisch kranke Menschen von einer Teilhabe an Arbeit und Beschäftigung, die ihren Wünschen entspricht, überwiegend ausgeschlossen sind. Einer neueren Untersuchung von Lena Mernyi und Koautoren aus dem Jahr 2018 zufolge befanden sich lediglich 21 Prozent der 815 untersuchten Patientinnen und Patienten in stationär-psychiatrischer Behandlung in einem festen Arbeitsverhältnis. Viele der Befragten kehrten nach der Entlassung aus dem Krankenhaus nicht wieder an ihren Arbeitsplatz zurück.

Quelle: IAB