Praktisches zum Prototyping in der Softwareentwicklung

Beispiele für schlechtes ergonomisches Projektmanagement

Eine ganze Reihe von Gründen führt dazu, dass der Gestaltungsprozess nicht so durchlaufen wird wie in der Norm DIN EN ISO 9241-210 gefordert. Benutzungsschnittstellen werden dadurch weniger bedienbar bzw. ergonomisch. Schuld daran ist häufig ein schlechtes ergonomisches Projektmanagement, das sich in folgenden Aspekten ausdrückt:

Fehlende Rückkopplungs- oder Korrekturschleifen
Ein wichtiger Grund besteht in der fehlenden Implementierung von Erkenntnissen, die während des Gestaltungsprozesses gewonnen werden. Fehlerhafte oder unzureichende Informationen, die z.B. schon bei der Nutzungskontextanalyse entstehen, werden in späteren Projektphasen nicht erkannt oder korrigiert.

Revidierbarkeit von Gestaltungsentscheidungen
Eine Revidierbarkeit von einmal getroffenen Gestaltungsentscheidungen, gerade was die Benutzungsschnittstelle anbelangt, ist häufig nicht vorgesehen. Hierfür werden diverse Gründe vorgeschoben, u.a. das Überschreiten von Terminen in der Zeitplanung oder die erhöhten Kosten. Beides ist natürlich vermeidbar.

Formalisierte und technisch geprägte Dokumentation
Häufig gibt es eine sehr umfangreiche, stark formalisierte und auf die Entwicklung des Programmcodes ausgelegte technische Dokumentation. Informationen, wie benötigte Dialogschritte oder Arbeitsabläufe sind entweder verklausuliert oder nur spärlich oder verteilt enthalten. Aus ergonomischer Sicht ist diese Dokumentation jedoch kaum verwendbar.

Keine frühzeitigen Tests und Evaluationen der Benutzungsschnittstelle
Da in der Implementierungsphase ergonomische Tests mit Anwendern und Evaluationen kaum stattfinden, ist das neue Programm, nachdem es einen bestimmten Stand erreicht hat, kaum veränderbar. Tests finden dann häufig zusammen mit Funktionstests statt, was natürlich zu spät ist. Änderungswünsche können dann nicht mehr berücksichtigt werden (oder eben erst im nächsten Release), wobei die Umsetzung dann fraglich ist.

Entwicklungsverantwortung der Benutzungsschnittstelle bei ungeeigneten Personen
Die softwareergonomische Qualität liegt häufig in der Verantwortung von Personen, die sowohl ergonomische Anforderungen als auch Art und Umfang ergonomischer Methoden nur ungenügend kennen. Dadurch wird bereits von Anfang an eine unzureichende Kosten- und Zeitplanung favorisiert.

Unzureichende Anwenderbeteiligung

Ein grundlegendes Problem besteht in der unzureichenden Anwenderbeteiligung. Die Anforderungen an das zu entwickelnde Programm werden zwar zu Beginn unter Beteiligung der Anwender definiert. Die Formulierung und Umsetzung der ergonomischen Anforderungen wird von Benutzern aber nicht während der kritischen Projektphasen , sondern häufig erst nach Fertigstellung und dann methodisch unzureichend überprüft. Methodische Tests und Evaluationen mit Anwendern unter Anleitung eines Softwareergonomen oder Usability Engineers finden zu spät oder gar nicht statt.

Folge: Die Benutzungsschnittstelle ist programmiert und kann nur in wenigen Aspekten oder Details vor dem Release oder zwischen den Releases geändert werden.

Um diese Fehlentwicklungen zu vermeiden, muss die Anwenderbeteiligung integraler Bestandteil der Softwareentwicklung sein: von Beginn an, gleichberechtigt und während des gesamten Prozesses.

Notwendig ist dabei ein geeigneter methodischer Rahmen, der Beteiligung unterstützt. Die in 2010 verabschiedete Norm DIN EN ISO 9241- 210 (Prozess zur Gestaltung gebrauchstauglicher interaktiver Systeme) beschreibt eine solche Vorgehensweise. Ein rückgekoppeltes, iteratives Verfahrensmodell ist geeignet, die Belange der Benutzer in den Phasen Analyse, Planung/Entwurf, Implementierung zyklisch zu berücksichtigen. Die Weiterentwicklung der Anforderungen und die Bewertung der Benutzungsschnittstelle erfolgt so kontinuierlich während des Entwicklungsprozesses. In jedem Zyklus wird ein bis zu einem gewissen Grad lauffähiger Prototyp oder auch eine komplett lauffähige Programmversion (weiter)entwickelt und getestet.

Tests sollten in der konkreten Arbeitssituation am normalen Arbeitsplatz erfolgen. Dadurch werden Anwender und ergonomisch Verantwortliche in die Lage versetzt, sowohl die bisherigen ergonomischen Anforderungen und deren Umsetzung zu verifizieren, als auch die Benutzungsschnittstelle dahingehend zu überprüfen, ob mit ihr die Arbeit effektiv und effizient erledigt werden kann.

Aus jeder Testphase ergibt sich somit eine überarbeitete und präzisierte Anforderungsdefinition und Spezifikation für die aktuelle Programmversion, die solange korrigiert, verfeinert und weiterentwickelt wird, bis ein für die Anwender akzeptables Produkt entstanden ist.

Inhalt dieses Artikels

  1. Beispiele für schlechtes ergonomisches Projektmanagement
  2. Erstellung eines Prototypen