Benutzerzentrierte Soft­ware­gestal­tung

Anforderungen

Aus der Analyse des Nutzungskontextes werden ergonomische Anforderungen abgeleitet. Dazu ist es notwendig, die Beschreibungen der Aufgaben, der Umgebung und der Benutzer selbst, so zu interpretieren, dass diese als Anforderung an das Softwaresystem formuliert werden können.

Ein Beispiel: Ein Sachbearbeiter wird immer wieder beim Ausfüllen von Eingabemasken unterbrochen. Bei der Unterbrechung muss er in ein anderes Programm, zur Kundendatenbank, wechseln. Die ergonomische Anforderung ist, dass der Wechsel von der Datenerfassungssoftware zur Kundendatenbank ohne Verlust von eingegebenen Daten und Zeitverzögerung möglich sein muss (z.B. durch die Möglichkeit der parallelen Nutzung unterschiedlicher Programme).

Solche Anforderungen sollten technisch unabhängig, eindeutig, nachvollziehbar und überprüfbar sein.

Gestaltung

Die ergonomischen Anforderungen müssen in die Benutzungsoberfläche übersetzt werden, d.h. in die sichtbaren Elemente auf dem Bildschirm, in die Strukturierung der Information, die Art und Weise des Dialogs zwischen Benutzer und Software, und der Navigation.

Zum Beispiel werden in einem Programm zur Darstellung von Börsendaten bestimmte Informationsinteressen von Benutzern (in diesem Fall Anlageberater) berücksichtigt. Die Börsendaten werden deswegen in Form von Charts dargestellt und nach bestimmten Aufgaben gruppiert. Die häufigsten Charts werden auf der Eingangsseite leicht zugänglich auswählbar platziert. Um die Entwicklung eines Fonds innerhalb der letzten 10 Jahre zu zeigen, wird die Zeitachse eines Fonds-Charts über Plus- und Minus-Schaltflächen veränderbar gestaltet. Dadurch kann der Anlageberater in einer Beratungssituation die Ansicht auf die Zeitachse schnell und ohne Aufwand verändern.

Verbesserung von Benutzungsschnittstellen

Auch bei der Verbesserung oder Optimierung von Benutzungsschnittstellen (unabhängig von ihrer Art) sollte der Nutzungskontext bzw. die konkrete Arbeitssituation mit der jeweiligen Software so ausführlich wie möglich berücksichtigt und analysiert werden. Häufig sind ergonomische Anforderungen nicht ausreichend analysiert und umgesetzt worden, wie dies für eine effiziente Bedienung der Software bzw. Erledigung der Arbeitsaufgabe notwendig wäre.

Deswegen gilt für alle ergonomischen Maßnahmen noch rechtzeitig vor einem Release zu prüfen, ob der Nutzungskontext entsprechend analysiert und in die Gestaltung der Benutzungsschnittstelle mit einbezogen wurde und ob wirklich alle wichtigen ergonomischen Anforderungen erhoben wurden.

Häufig werden bestimmte Arbeitssituationen und Nutzungskontextdaten übersehen, die einen Einfluss auf die Gestaltung haben, z.B. das gleichzeitige Bearbeiten von mehreren Kundendatensätzen, das Speichern eines Bearbeitungsverlaufs oder das sinnvolle Vorbelegen von Feldern.

Prototyping

Von herausragender Bedeutung beim sogenannten Prototyping ist das frühzeitige Visualisieren und Erfahrbar-Machen der Gestaltungsideen. Um den Entwurf der Navigationsstruktur im Rahmen der Grobgestaltung eines Systems zu visualisieren, kann es ausreichen, die einzelnen Navigationsschritte auf Papier zu skizzieren.

Soll die Veränderung einer Zeitachse eines Charts erfahrbar (wie oben beschrieben) und damit testbar für Benutzer gemacht werden, wäre es gut, wenn die Zeitachsenmanipulation tatsächlich ausführbar ist. Allerdings reicht in Entwicklungsprojekten häufig die Zeit nicht, um die Funktion vollends zu programmieren und später wieder zu verwerfen, wenn z.B. statt der Schaltflächen eine Lupe verwendet werden soll.

Wichtig für erfolgreiches Prototyping ist also: Der Entwicklungsgrad und die Art und Weise der vorläufigen Umsetzung sowie der Detaillierungsgrad muss an den Gegebenheiten des Projekts und an der Fragestellung ausgerichtet werden. Gestaltungsideen müssen in irgendeiner Form überprüfbar und verwerfbar sein. Kreative und benutzerzentrierte Gestaltung lebt von der Produktion von Gestaltungsalternativen und der Fähigkeit schlechte Lösungen aufzugeben und Neues auszuprobieren.

Prototyping muss sich allerdings auch den Entwicklungsphasen eines Systems orientieren (Integration, Software-Tests, Debugging, etc.).

Inhalt dieses Artikels

  1. Benutzerzentrierte Softwaregestaltung
  2. Anforderungen
  3. Evaluation