Beurteilung der Arbeits­bedingungen – Grundlagen und Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung

Mögliche Ursachen für Gefahrenquellen bei der Arbeit

Sind die Gesundheitsgefahren am Arbeitsplatz nicht bekannt, kann sich auch niemand davor schützen. Eine der grundlegenden Aufgaben des betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutzes ist es, die Arbeitsbedingungen zu beurteilen und mögliche Gefährdungen für die Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten festzustellen. Besteht ein Gesundheitsrisiko, kann das durch Verbesserungsmaßnahmen abgestellt oder gemindert werden.

Mögliche Ursachen für Gefahrenquellen bei der Arbeit

Das Arbeitsschutzgesetz verweist allgemein auf grundsätzlich mögliche Gefahrenquellen bei der Arbeit. Sie werden zum Beispiel für Bildschirmarbeit oder für die Gestaltung von Arbeitsstätten in der Arbeitsstättenverordnung in Form von Schutzzielen konkretisiert. Eine körperliche oder psychische Gefährdung kann gegeben sein durch:

  • die Arbeitsstätte: Verkehrswege, Fluchtwege, Beleuchtung, allgemeine Sicherheit
  • den Arbeitsplatz: Mobiliar am Arbeitsplatz, Bewegungsraum
  • die Arbeitsumgebung: physikalische, chemische und biologische Einwirkungen wie Lärm, Raumklima und Luftqualität
  • Arbeitsmittel: Maschinen und Geräte, zum Beispiel Bildschirmgeräte und auch Software
  • Arbeitsstoffe: Reinigungsmittel, Lösungsmittel
  • Arbeitsabläufe und Arbeitsverfahren: taktgebundene Arbeit, enge Zeitvorgaben, ergebnisorientierte Arbeit, Informationsflut
  • Arbeitszeit: Nachtarbeit, Pausengestaltung
  • unzureichende Qualifikation und Unterweisung über Gefahren
  • das Zusammenwirken von Technik, Organisation, Menschen und sozialen Beziehungen
  • weitere psychische Belastungen

Die aufgezählten Gefährdungsbereiche sind nicht abschließend, es kommt auf die jeweilige betriebliche Situation an. Der Gesetzgeber fordert im Arbeitsschutzgesetz: die Verhütung von Unfällen, Berufskrankheiten und arbeitsbedingter Erkrankungen und die menschengerechte Gestaltung von Arbeit. Prävention, wie sie hier als Leitbild definiert wird, nutzt dem Unternehmen und den Beschäftigten, weil es Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten langfristig erhält. Die Beurteilung der Arbeitsbedingungen, kurz: die Gefährdungsbeurteilung, ist die entscheidende Voraussetzung dafür.

Die Beurteilung der Arbeitsbedingungen bezieht sich auf alle Arbeitsorte und Arbeitstätigkeiten: Sie bezieht sich auf die gesamte Arbeitsstätte: Gebäude, Arbeitsplätze innerhalb und außerhalb von Gebäuden, Arbeitsräume, Arbeitsplätze, Mobiliar, Maschinen und Geräte entlang der einzelnen Arbeitsprozesse. Auch die Arbeitsbedingungen außerhalb des Betriebes, bei Kunden oder am Telearbeitsplatz fallen darunter. Nur so ist es möglich, Gefährdungen für Beschäftigte vollständig zu erfassen, erst einmal unabhängig davon, wie sie beeinflussbar sind.

„Eine Gefährdung bezeichnet die Möglichkeit eines Gesundheitsschadens oder einer gesundheitlichen Beeinträchtigung ohne bestimmte Anforderungen an deren Ausmaß oder Eintrittswahrscheinlichkeit.“ (ASR V3)

Gefährdungen, die eine direkte Einwirkung auf den Menschen haben können, und Belastungen, bei denen es auf die Dauer und Höhe der Einwirkung ankommt, sind zu ermitteln und das Risiko für die Gesundheit der Beschäftigten zu beurteilen. Eine Gefährdungsbeurteilung umfasst damit immer objektbezogene und ablaufbezogenen Anteile. Auch an mögliche Kombinationswirkungen von unterschiedlichen Gefährdungsfaktoren muss gedacht werden. Am besten ist es, bei jedem Schritt des Analyseverfahrens eine Checkliste aller grundsätzlichen Gefährdungsfaktoren parat zu haben.

Belastungen sind z.B. das Dauersitzen am Büroarbeitsplatz, schlechte Sehbedingungen am Bildschirm oder Dauerstress durch überlastende Arbeitsmenge und Zeitdruck. Je nach Dauer und Höhe sind sie ebenfalls eine Gefährdung für die Gesundheit.

Gefährdungen können von Arbeitsplätzen und Geräten ausgehen, ebenfalls auch von Abläufen und Aufgaben bei der Arbeit. Auch kann es Gefährdungen für besondere Personengruppen geben, wie Jugendliche, Ältere oder Schwangere, Arbeitsplätze und Aufgaben müssen auch dahingehend bewertet werden. Alle Aspekte müssen bei der Beurteilung der Arbeitsbedingungen berücksichtigt werden.

Es kann auch eine Gefährdung darstellen, wenn die Erste Hilfe nicht organisiert ist, Feuerlöscher nicht überprüft werden, keine Sicherheitsbeauftragten bestellt sind, Unterweisungen fehlen oder der Betriebsarzt nicht bestellt ist. Zur Beurteilung der Arbeitsbedingungen gehört auch die Beurteilung der gesetzlichen Aufgaben der betrieblichen Organisation des Arbeits- und Gesundheitsschutzes.

Verpflichtende Rechtsgrundlagen

Seit Inkrafttreten des Arbeitsschutzgesetzes 1996 ist die Gefährdungsbeurteilung gesetzliche Vorschrift. Die Pflicht zur Gefährdungsbeurteilung ist auch in weiteren staatlichen Arbeitsschutzvorschriften geregelt. Das sind für die Bildschirm- und Büroarbeitsplätze die Arbeitsstättenverordnung von 2016 für alle Gestaltungsfragen der Arbeitsstätte inklusive der Bildschirmarbeitsplätze, die Betriebssicherheitsverordnung für Arbeitsmittel und die Unfallverhütungsvorschrift DGUV Vorschrift 1 „Grundsätze der Prävention" als Grundlage für die Überwachungstätigkeit von Berufsgenossenschaften und Unfallkassen (siehe dazu die Handlungshilfe 1).

Weitere Arbeitsschutzverordnungen wie die Gefahrstoffverordnung oder die Lastenhandhabungsverordnung können für die Tätigkeiten im Betrieb eine Rolle spielen. Auf jeden Fall ist auch eine Gefährdungsbeurteilung nach den Vorschriften des Mutterschutzes notwendig. Die Verordnung zum Schutze der Mütter am Arbeitsplatz fordert eine rechtzeitige (vorausschauende) Beurteilung der Arbeitsbedingungen, auch psychische Belastungen müssen berücksichtigt werden. Jugendarbeitsschutz und der Organisation des Arbeits- und Gesundheitsschutzes – also Unterweisung, Erste Hilfe, Brandschutz, Notfallorganisation oder barrierefreie Gestaltung der Arbeitsstätte - gehören ebenso zu den Inhalten der Gefährdungsbeurteilung.

Im Falle einer betrieblichen Wiedereingliederung kann es erforderlich sein, eine personenbezogene Beurteilung eines Arbeitsplatzes vorzunehmen, das muss immer unter dem Schutz der Regelungen des SGB IX erfolgen.