Beurteilung der Arbeits­bedingungen – Grundlagen und Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung

Durchführung: Analysemethoden und Fachkunde

Wie die Gefährdungsbeurteilung durchgeführt wird, dazu macht der Gesetzgeber keine Vorschriften. Die konkreten betrieblichen Bedingungen und die sich wandelnden Erkenntnisse zu Gesundheitsgefährdungen erfordern angepasste Vorgehensweisen und Methoden. Arbeitswissenschaftler/innen, die Staatliche Arbeitsschutzverwaltung und Berufsgenossenschaften haben mittlerweile eine ganze Reihe von Empfehlungen und nützliche Instrumente veröffentlicht. Sie stellen auch Anforderungen an die Qualität der Analyseinstrumente.

Zu den Ermittlungsmethoden von möglichen Gefährdungen und Belastungen gehören die Begehung des Arbeitsplatzes und der Arbeitsstätte, Messungen, Beobachtungen, Befragungen, Gruppengespräche, Auswertungen von Daten und Informationen aus dem Betrieb, von Herstellern und aus den Vorschriften und Regelwerken.

Fachkunde erforderlich

Eine systematische Analyse aller möglichen Gefährdungen und ihre Beurteilung hinsichtlich des Risikos für die Sicherheit und die Gesundheit erfordert auch Fachkunde. Beratend stehen hierzu die Fachkraft für Arbeitssicherheit und der Betriebsarzt zur Verfügung. Sie unterstützen dabei, das passende Instrument und die Messverfahren auszuwählen.

Die vollständig eigenverantwortliche Durchführung der Gefährdungsbeurteilung gehört nicht zu ihren Aufgaben, zumindest nicht innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Einsatzzeiten nach DGUV Vorschrift 2.

Im Bereich der Arbeitsstätten ist Fachkunde oder fachkundige Beratung bei der Gefährdungsbeurteilung notwendig. Die Aufgabe kann der Arbeitgeber auf „fachkundige und zuverlässige“ (vgl. Arbeitsschutzgesetz § 13) Personen übertragen. Eine fachkundige Person ist auch erforderlich bei der Prüfung der Arbeitsmittel auf Elektrosicherheit (Elektrofachkraft) oder der Lärmmessung zur Bestimmung des Beurteilungspegels (Fachkundenachweis Lärm).

Definition Fachkunde Arbeitsstättenverordnung § 2
Fachkundig ist, wer über die zur Ausübung einer in dieser Verordnung bestimmten Aufgabe erforderliche Fachkenntnisse verfügt. Die Anforderungen an die Fachkunde sind abhängig von der jeweiligen Art der Aufgabe. Zu den Anforderungen zählen eine entsprechende Berufsausbildung, Berufserfahrung oder eine zeitnah ausgeübte entsprechende berufliche Tätigkeit. Die Fachkenntnisse sind durch Teilnahme an Schulungen auf aktuellem Stand zu halten.

Für die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung fordert die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR V3 „ Gefährdungsbeurteilung“ (2017) die Fachkunde zur Umsetzung aller Prozessschritte und dort aufgeführten Aufgaben, die Kenntnis des einschlägigen Vorschriften- und Regelwerks insbesondere der Technischen Regeln für Arbeitsstätten sowie die Kenntnis der Arbeitsstätte und der Tätigkeiten.

Empfehlenswert ist es, durch Beratung und Einsatz der Fachkraft für Arbeitssicherheit, des Betriebsarztes und weiterer Fachexperten bei der Erstbeurteilung im Betrieb eigenes Know-How bei internen Arbeitsschutzverantwortlichen aufzubauen.

Die Personen, die die Gefährdungsbeurteilung durchführen, sollten das Vertrauen der Beschäftigten haben. Das kann z. B. ein Analyseteam sein, das unter Einbezug von Fachleuten und der Interessenvertretung die Ermittlung und Beurteilung von Arbeitsplätzen und Arbeitsstätte mit Hilfe von Checklisten vornimmt und dabei die dort Arbeitenden befragt.

Die Gefährdungsbeurteilung verlangt insbesondere bei der Ermittlung psychischer Belastungen die Einbeziehung der Beschäftigten und gleichzeitig aber ihren Schutz. Datenschutz und anonymisierte Verfahren sind hilfreich. Auch hier ist Fachkunde notwendig, insbesondere wenn Fragebögen oder Workshops eingesetzt werden sollen. Eine Arbeitsschutzvorschrift zu Fragen der Psychischen Belastungen am Arbeitsplatz gibt es nicht.

In Schritten vorgehen: Stufenkonzept

Es empfiehlt sich, in Schritten vorzugehen und nicht gleich mit hohem Aufwand ins Detail zu gehen. Damit lässt sich das Verfahren gezielter und effektiver gestalten (siehe dazu die Handlungshilfe 4).

  • Grobanalyse

Eine Grobanalyse ermöglicht es, mit begrenztem Aufwand eine Orientierung zu erhalten. Ein systematisches und vollständiges Vorgehen ist notwendig. Alle Arbeitsräume und Arbeitsplätze gilt es zu betrachten. Gleichartiges lässt sich zusammenfassen oder anhand repräsentativer Arbeitsplätze analysieren. Bei einer Mitarbeiterbefragung nach psychischen Belastungen sollte eine möglichst große Zahl von Beschäftigten einbezogen werden, um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten.

  • Feinanalyse

Eine Feinanalyse wird dort notwendig, wo die Grobanalyse Hinweise auf erhöhte Gefährdungen oder gesundheitliche Probleme erbracht hat. Für kritische Untersuchungsbereiche, Abteilungen oder Tätigkeiten lassen sich vertiefend präzisere Methoden einsetzen, um Ursachenzusammenhänge zu erkennen und wirkungsvolle Maßnahmen zu entwickeln. Dafür eignen sich Lärmmessungen, der Einsatz von Software-Ergonomie-Experten oder Gesundheitszirkel, die Ursachenzusammenhänge und Ansätze für Verbesserungen erarbeiten.
Vertiefende gruppenorientierte Verfahren wie Zirkel oder Workshops sind immer sinnvoll, wenn es darum geht, Ursachen zu erkennen, Maßnahmen zu entwickeln und die Vorschläge der Beschäftigten einzubeziehen. Sie sind die Experten in ihrem Tätigkeitsbereich.

  • Fragen nach dem Gesundheitsstatus

Die gesetzliche Pflicht der Gefährdungsbeurteilung erfordert keineFragen nach dem Gesundheitsstatus der Beschäftigten. Sinnvoll ist das nur im Rahmen der Gesundheitsförderung) oder des Gesundheitsmanagements.

Qualität ist gefordert

Zu den Qualitätsanforderungen der Analyseinstrumente geben die gesetzlichen Vorschriften, die Regelwerke der Unfallversicherungsträger und die vom Bundesarbeitsministerium herausgegebenen Grundsätze zur Gestaltung von Handlungshilfen Anhaltspunkte. Hier wird beispielsweise gefordert, dass sie vollständig, beteiligungsorientiert und wissenschaftlich geprüft sind und den Bezug zu den Soll-Vorschriften enthalten.

Zur Prozessqualität macht die Leitlinie der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie GDA (GDA Leitlinien, Abstimmung der staatlichen Arbeitsschutzbehörden und der Unfallversicherungsträger in der Nationalen Arbeitsschutzkonferenz) Aussagen. Zur inhaltlichen und methodischen Qualität der Ermittlung psychischer Belastungen gibt es Empfehlungen der GDA an die Unternehmen.