Wertschätzung

Wertschätzung ist ein Gesundheitsfaktor

Wertschätzung gilt – spätestens seit Siegrist (J. Siegrist: Soziale Krisen und Gesundheit, 1996) – als Gesundheitsfaktor. Der Düsseldorfer Medizinsoziologe konnte zeigen, dass insbesondere das Herz-Kreislauf-System Schaden nimmt, wenn das Verhältnis von Verausgabungsbereitschaft und erhaltener Anerkennung nicht stimmt: Wenn Menschen den Eindruck haben, dass sie sich nach Kräften für ihr Unternehmen einsetzen, dass sie dafür aber nicht genug Anerkennung ernten – Aufstieg, Image, anerkennende Worte –, dann geraten sie in eine sogenannte Gratifikationskrise. Das relative Risiko eines Herzinfarkts wird dadurch beispielsweise deutlich erhöht.

Auch bei psychischen Erkrankungen scheint Wertschätzung eine wichtige Rolle zu spielen. Hawkins et al. (1999) konnten zeigen, dass Wertschätzung bei Männern geeignet ist, um Depressionen vorzubeugen. Bestätigung zum Beispiel in Form von anerkennenden Äußerungen stärkt die Psyche und schützt vor Hilflosigkeitsempfindungen. Ist das Klima offen und vertrauensvoll, so können Menschen entspannter arbeiten. Angstfreiheit ist eine wichtige Voraussetzung für gute Leistung. Wer sich wertgeschätzt fühlt, dessen Selbstwertgefühl ist stark, er ist wenig anfällig für Kränkungen, seelisch ausgeglichen, entstresst und eher gewappnet für den Umgang mit Belastungen. Sein Wohlbefinden wird gestärkt.

Dass Wertschätzung Menschen aufblühen lässt – in Bezug auf ihr Selbstwertgefühl genauso wie in Bezug auf ihr Leistungsniveau – belegen die neurobiologischen Studien von Bauer (Bauer, Joachim: Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene Steuern. Frankfurt 2006): Wenn ein Mensch sich anerkannt fühlt, wird Dopamin freigesetzt, was seine Konzentrations- und Leistungsfähigkeit erhöht. Zudem werden Glückshormone (Endorphine) und das Vertrauens- oder Bindungshormon Oxytozin ausgeschüttet. Letzteres lässt den Blutdruck sinken und sorgt für ein Gefühl von Entspannung. Entgegen früheren Annahmen, findet sich das Hormon nicht nur bei Säuglingen und ihren stillenden Müttern, sondern auch bei Menschen, die sich am Arbeitsplatz wohl und gut aufgehoben fühlen.

Wertschätzung reduziert Ängste. Es gibt ein Gefühl von Bestätigung und Sicherheit, wenn die soziale Umgebung einem versichert, dass sie einen als Person und als Leistungserbringer schätzt. Das beruhigt und entspannt – letztlich auch auf der muskulären Ebene. Die Furcht vor Fehlern lässt nach, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wächst. Man wagt sich selbstbewusst auch an neue Herausforderungen heran und holt das Beste aus sich heraus. Und sogar die Arbeitsfähigkeit älterer Beschäftigter wird gefördert, wenn diese sich durch ihre unmittelbare Führungskraft wertgeschätzt fühlen, wie die Forschungsgruppe um den Finnen Johani Ilmarinen zeigen konnte.

Soziale Unterstützung durch Kollegen als Stresspuffer

Und umgekehrt gilt: Durch gegenseitige Wertschätzung können Kollegen einander gut tun. Es gibt mittlerweile unzählige Studien, die belegen, dass soziale Beziehungen wichtig sind für die Gesundheit. Sie wirken beispielsweise als Stresspuffer. Es tut gut zu wissen „ich bin nicht allein“ oder „andere stehen mir zur Seite“. Das gilt insbesondere für belastende Lebens- oder Arbeitssituationen. Der Stress ist objektiv betrachtet der gleiche – aber er wird anders bewertet und nicht mehr als so schlimm empfunden. Im Notfall leistet das soziale Netz praktische Unterstützung, aber auch andere Varianten sozialer Unterstützung können gut tun.

So gibt es zum Beispiel die sogenannte „soziale Unterstützung bei der emotionalen Bewertung von Sachverhalten“. Dazu zählen beispielsweise aufmunternde Sätze wie „das sind wirklich krasse Zeiten, die wir im Moment erleben“ oder sogar Galgenhumor wie „so lange wir noch lachen können …“. Solche Aussagen signalisieren dem anderen, dass er nicht allein ist, sondern andere an seiner Seite „mit-leiden“. Solange man nicht im kollektiven Jammertal versinkt, kann das gut tun zu merken: Den anderen geht’s genauso, und wir gehen gemeinsam durch diese schwierige Zeit. Abbildung 3 gibt zusammenfassend wieder, wie sich Wertschätzung auf die Gesundheit auswirkt.

Bild 3: Wertschätzung als Gesundheitsfaktor.(Quelle: A. K. Matyssek)

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