Gesunde Führung – warum und wie?

Was macht Menschen krank?

Was macht Menschen krank? Wenn man Angestellte fragt, antworten sie zwar auch „mein PC“ oder „mein Bürostuhl“. Aber noch häufiger bekommt man Antworten wie „der Zeitdruck aufgrund der Zielvorgaben“, „der Blödmann in meinem Büro“, „die motzenden Kunden“ oder eben „mein Chef“. Im Erleben der Beschäftigten wiegen psychosoziale Aspekte der Arbeit wesentlich schwerer als die nicht-funktionierende Software oder die mangelhafte Ergonomie. Der Mensch ist eben ein soziales Wesen. Daher sind soziale Bezüge von größerer Bedeutung für die psychische Gesundheit als technische Bedingungen.

Und soziale Bezüge entscheiden mit über Wohlbefinden und Anwesenheit am Arbeitsplatz. Nur selten ist der Zusammenhang so eindeutig wie in dem Witz. Er sagt zu ihr: „Liebling, ich kann heut’ nicht zur Arbeit, ich fühl’ mich einfach nicht gut.“ Sie zu ihm (ganz mitfühlend): „Ach, Du Ärmster, wo denn? In der Magengegend?“ Er: „Nein, bei der Arbeit!“ Er fühlt sich nicht wohl bei der Arbeit und macht sich darum die morgendliche Bettkanten-Entscheidung besonders leicht. In der Realität laufen solche Entscheidungsprozesse unbewusst ab. Und in Zeiten von Arbeitsplatzunsicherheit fällt die Entscheidung eher für die Arbeit als gegen sie, auch wenn das Unbehagen noch so groß ist. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass Anwesende sich unbedingt wohl fühlen oder gesund sind.

Der Körper reagiert

Wer unter einem schlechten Betriebsklima leidet oder wer befürchtet, dass seine Kollegen ihn mobben, dessen Wohlbefinden wird beeinträchtigt. Nicht nur die Psyche reagiert, z.B. durch den morgendlichen Unwillen, ins Büro zu gehen, durch häufige Ärgerempfindungen oder ein Gefühl von Niedergeschlagenheit. Auch der Körper zeigt Reaktionen, und zwar vielfältiger Natur und von Mensch zu Mensch verschieden. Der eine reagiert mit Muskelverspannungen, der zweite mit Bauchschmerzen, der dritte mit Schwindel, Atemnot oder Schlafstörungen. Die AOK konnte an über 10.000 Versicherten zeigen (WiDO 2000): Je besser das Betriebsklima ist, desto weniger Leute haben Rückenschmerzen.

Bild 1: Zusammenhang zwischen Betriebsklima und Schmerzen (Quelle: A. K. Matyssek)

Bildlich gesprochen heißt das: Bei einem schlechten Betriebsklima sitze ich als Mitarbeiterin quasi in Hab-Acht-Stellung mit hochgezogenen angespannten Schultern am Arbeitsplatz und bewege mich kaum von meinem Platz weg. Die Folge: Muskelverspannungen im Schulter-Nacken-Bereich. Langanhaltende Verspannungen sorgen für eine Unterversorgung der Muskeln mit der Folge: Schmerzen. Wenn Muskeln schmerzen, neigen wir zur Schonhaltung und bewegen diese Muskulatur erst recht nicht. Dabei wäre gerade Bewegung nötig, um die verspannten Muskeln mit Nährstoffen zu versorgen. Das ist der Beginn eines Teufelskreises von noch mehr Verspannung und noch mehr Schonung. Hinzu kommt: Wer Schmerzen hat, ist in dem Moment wenig gesellschaftsfreudig. Er ist ja mit seinen Schmerzen beschäftigt und sucht nicht von sich aus den Kontakt zu Kollegen. Dadurch wird das Betriebsklima unter Umständen weiter beeinträchtigt, wenn beispielsweise fehlendes Lächeln als Unfreundlichkeit aufgefasst wird.

Der Volksmund kennt etliche Redensarten über solche psychosomatischen Zusammenhänge. Einige davon kennen Sie vielleicht auch von sich selbst: „da kommt mir die Galle hoch“, „das geht mir an die Nieren“, „ich finde ihn zum Kotzen“ (Übelkeit), „ich hab die Nase voll“ (Schnupfen), „daran habe ich ganz schön zu knabbern“ (nächtliches Zähneknirschen), „das bedrückt mich“ (geduckte Körperhaltung). Allen ist gemeinsam: Das Wohlbefinden ist beeinträchtigt, die Psyche leidet, und der Körper muss es ausbaden.

Erholungsfähigkeit geht verloren

Zwischenmenschliche Faktoren beschäftigen Menschen mental nicht nur während der Arbeitszeit. Sie sind – anders als ein ergonomisch falsch eingerichteter Arbeitsplatz – nicht einfach vergessen, wenn man das Büro verlässt, sondern beeinträchtigen auch das Wohlbefinden nach Feierabend. Man nimmt den Ärger über Kunden, Kollegen oder Vorgesetzte mit heim, wo die Gedanken weiter um die Arbeit kreisen und echte Erholung unmöglich machen. Womöglich wird das familiäre Umfeld angesteckt durch die schlechte Stimmung, die der Beschäftigte aus dem Büro mitbringt. Das Abschalten nach Feierabend fällt schwer, obwohl man doch genau diese Zeit zum Umschalten bräuchte.

Im schlimmsten Fall leidet die Erholungsfähigkeit so weit, dass sie ganz verloren geht. Dann ist es gar nicht mehr möglich, den Akku wieder aufzuladen. Kennen Sie das: Sie regen sich so dermaßen über eine unverschämte Kollegin auf, dass Ihnen schon beim Gedanken an die Person die Galle hoch kommt, und statt dass Sie nach Feierabend die blöde Kuh mental beiseite legen, verfolgt Sie sie bis in Ihre Träume? Dass das mal vorkommt, ist normal. Aber wenn man merkt, dass die Schlaf- und Erholungsfähigkeit dauerhaft beeinträchtigt ist durch zwischenmenschliche Probleme am Arbeitsplatz: Vorsicht! Sie brauchen Ihre Erholung, um am nächsten Tag wieder ganz fit zu sein. Zum Glück lässt sich das Abschalten lernen (Matyssek 2008).

Hier soll nicht verschwiegen werden, dass Arbeit auch ein Gesundheitsfaktor sein kann. Vielen wird das erst klar, wenn sie keine mehr haben. Aber genauso wie Arbeit krank machen kann, kann sie auch das Wohlbefinden steigern: Erfolge stärken unser Selbstwertgefühl, der Zusammenhalt unter Kollegen tut uns gut, die Regelmäßigkeit schafft Ordnung in unserer Zeitgestaltung, und Arbeit hilft, unsere Identität zu definieren. Wir fühlen uns als wichtiges Rädchen der Gesellschaft und haben im Idealfall das Gefühl, etwas bewirken zu können. Das stärkt uns.

Mehr erfahren und aktiv werden