Gesunde Führung – warum und wie?

Der Beitrag der Führungskraft zu Wohlbefinden und Gesundheit

Immerhin den größten Teil unserer Wachzeit verbringen wir am Arbeitsplatz. Und genau so verbringen wir als Angestellte auch meist den größten Teil unseres wachen Lebens mit unserem Vorgesetzten. Wir sehen ihn häufiger als unseren Partner oder unsere Partnerin. Und selbst wer die Führungskraft nur selten leibhaftig zu Gesicht bekommt, wird doch von ihr geprägt und beeinflusst. Im Hinterkopf ist sie weit präsenter als der Kunde direkt vor uns. Bei dem Gedanken wird es manch einem gruseln. Aber klar ist eines: Umso wichtiger ist es, dass das Verhältnis einigermaßen stimmt.

Die Stimmung des Chefs ist ansteckend, sie überträgt sich häufig auch aufs Privatleben der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Brad Gilbreath in Handelsblatt 27.1.2006). Ein gut gelaunter wohl gesonnener Vorgesetzter ist quasi ein Schutzfaktor für die Gesundheit und das Wohlbefinden auch im Privatleben. Ein schlecht gelauntes Führungsekel hingegen ist ein Gesundheitsgefährdungsfaktor. Britische Krankenschwestern zum Beispiel haben einen signifikant höheren Blutdruck, wenn sie das Führungsverhalten ihres Chefs negativ bewerten (Nadja Wagner in Handelsblatt 27.1.2006). Das kann man bildlich nachvollziehen: Ein brüllender (aber auch ein zynischer, ironischer) Vorgesetzter sorgt bei Beschäftigten für Muskelanspannung, Herzklopfen, Schwitzen und eben eine Erhöhung des Blutdrucks. Auf die Dauer macht das krank.

Es werden weit mehr Menschen durch ihren Chef krank als durch den falsch eingestellten Bürostuhl.

Wie kommt man – platt gesagt – von „Mein Chef macht mich krank“ zu „Mein Chef tut mir gut“?

Während pathogene, also krank machende Effekte von Führungsverhalten auf die menschliche Gesundheit relativ gut erforscht sind, gibt es erst wenige Studien über salutogene (also gesundheitsfördernde) Einflüsse. Das Thema wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Schließlich gestalten Führungskräfte neben den physikalischen Arbeitsbedingungen auch das Beziehungsgefüge am Arbeitsplatz. Sie eröffnen Gestaltungsspielräume, prägen das Klima, ermöglichen Weiterentwicklung. Wenn sie gesund führen, geben sie soziale Unterstützung und reduzieren damit das Belastungsempfinden ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Vorgesetzte sind eine Arbeitsbedingung. Das heißt, sie können Ursache sein für arbeitsbedingte Erkrankungen (weshalb sich Arbeitsschützer mittlerweile auch bei diesem Thema zu Wort melden, schließlich sollen sie laut erweitertem Präventionsauftrag arbeitsbedingte Erkrankungen verhindern), genauso können sie aber auch Ressource sein, also eine Kraftquelle oder platt gesagt: ein Gesundmacher. Die beiden Zeichnungen verdeutlichen dies plakativ. Psychische Gesundheitsgefahren lassen sich begreifen als Untergruppe arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren. Psychosoziale Gesundheitsgefahren wiederum sind eine Untergruppe der psychischen Gesundheitsgefahren. Ein psychotoxischer Chef ist „giftig für die Seele“, er schadet der Gesundheit. Hier sind Arbeitsschützer auf den Plan gerufen. Eigentlich sollen sie nämlich den Versicherten, sprich hier: den Beschäftigten, schützen, und nicht die Arbeit. Wenn man in der alten Terminologie bleiben möchte, heißt das: Nötig ist ein psychosozialer, also zwischenmenschlicher, Arbeitsschutz.

Bild 2: Die Führungskraft als potenzielle arbeitsbedingte Gesundheitsgefahr. (Quelle: A. K. Matyssek)

Die Führungskraft als Gesundheitsfaktor

Im Idealfall sind die Führungskräfte selber eine Ressource: Sie tun den Beschäftigten gut. Und sie können ihrerseits Ressourcen einsetzen, etwa bei der Gestaltung von Arbeitsplatz, -aufgabe und -organisation, bei den Arbeitsvorgaben (Abläufe, Inhalte, Zeitlimits, Passung von Qualifikation und Anforderung) und Handlungsspielräumen und natürlich beim Miteinander am Arbeitsplatz.

Die von den Führungskräften eingesetzten Ressourcen (Kraftquellen) bilden ein wirkungsvolles Gegengewicht zu den Belastungen, denen die Beschäftigten ausgesetzt sind. An den Belastungen ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen können Führungskräfte oft nicht viel ändern, wohl aber an den Ressourcen. Das ist wichtig zu wissen. Denn in Seminaren höre ich oft: „Das sind die Rahmenbedingungen wie die Zielvorgaben, die die Leute stressen. Daran können wir Führungskräfte doch nichts ändern.“ Doch, können sie. Menschen sind zu vielen Mühen bereit, wenn sie wissen, dass sie dafür Anerkennung bekommen. Wenn sie sich zum Beispiel nicht allein gelassen sondern – wenigstens mental – unterstützt fühlen.

Bild 3: Die Führungskraft als potenzielle Ressource. (Quelle: A. K. Matyssek)

Das sollten Führungskräfte nicht ausnutzen, aber sie können es nutzen. Falls das Verhältnis zum unmittelbaren Vorgesetzten stimmt, kommen Menschen sogar dann gern zur Arbeit, wenn die Tätigkeit als solche wenig Herausforderungen bietet. Das äußern dann Teilnehmer in Seminaren beispielsweise so drastisch: „Der Job ist eigentlich Scheiße. Aber das Klima unter den Kollegen stimmt, und unsere Chefin ist prima.“ Und ich habe tatsächlich auch schon Sätze gehört wie: „Wir haben so ein super Klima, da vergess’ ich sogar mein Kopfweh.“ Tatsache ist: Wenn wir uns wohl fühlen, werden Schmerzen weniger intensiv empfunden. Und dazu können Führungskräfte (ein Fitzelchen) beitragen, indem sie sich als psychosoziale Ressource betätigen.

Der Leitende Werksarzt der Deutschen Post AG, Dr. Andreas Tautz, meinte anlässlich eines Kongresses des BKK-Bundesverbandes: „Bei psychosozialen Belastungen ist die Führungskraft, nicht der Arzt, die entscheidende Beeinflussungsgröße“ (Die BKK 02/2007). Und Professor Badura, Emeritus der Uni Bielefeld, vertritt auf der Grundlage seiner Studie „Sozialkapital“ die Meinung, dass gesunde Führung eine der größten Herausforderungen für kränkelnde Betriebe sei (Badura 2008).

Inhalt dieses Artikels

  1. Was macht Menschen krank?
  2. Der Beitrag der Führungskraft zu Wohlbefinden und Gesundheit
  3. Gesund- und krank-machende Führung

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