Software-Ergonomie und Benutzungsfreundlichkeit

Autorin: Regine Rundnagel
Übersicht
- Ziel der Software-Ergonomie ist die Anpassung der Eigenschaften von Software an die psychischen Eigenschaften der damit arbeitenden Menschen.
- Unzureichende software-ergonomische Gestaltung führt zu erhöhten psychischen Belastungen.
- Software-Ergonomie gehört zu den Mindestanforderungen, die die Bildschirmarbeitsverordnung an die Gestaltung von Bildschirmarbeit stellt.
- Die Normenreihe DIN EN ISO 9241, Teile 10-17 enthält konkrete Anforderungen an die ergonomische Gestaltung von Software.
- Benutzungsfreundliche Software ist gebrauchstauglich.
- Barrierefreie Software ist benutzungsfreundlich für Menschen, die bestimmte Fähigkeit nicht haben (Sehbehinderte).
Software-Ergonomie ist ein wichtiges Thema für alle, die täglich am Bildschirm arbeiten. PC's mit grafischen Benutzungsoberflächen, insbesondere nach dem Windows-Standard, haben die Bedienung der Programme sicher vereinfacht, die Probleme aber nicht aus der Welt geschafft. Wer kennt nicht die kryptisch anmutenden Fehlermeldungen, die so garnicht weiterhelfen und auch nichts über die Problemursache und ihre Vermeidung aussagen:
Bild 1: Microsoft Word 95
Was ist Software-Ergonomie?
Ergonomische Software mindert Belastungen
Unzureichende Softwaregestaltung führt zu erhöhten Ärger, Frustration und ebenso zu Fehlern und Zeitverlust. Die psychischen Belastungen nehmen zu und Kopfschmerzen, Augenflimmern oder Stress ist die Folge und bei längerer Dauer auch körperliche Beschwerden. Aus diesem Grund gehört die Software-Ergonomie auch zu den rechtsverbindlichen Mindestanforderungen, die bei Bildschirmarbeitsplätzen eingehalten werden müssen. Die gesetzliche Grundlage hierfür bildet die Bildschirmarbeitsverordnung.
Woran muß sich Software- Gestaltung orientieren?
Zentral für die Gestaltung des Arbeitsmittels Software ist die Berücksichtigung von:
- Art und Weise menschlicher Informationsverarbeitung
wie Kurzzeitgedächnis, Metaphern, Farbwahrnehmung, ...- Aufgaben der Benutzer/Benutzerin,
die mit Softwareunterstützung verrichtet werden sollen- Umfeld der Organisation, in dem die Aufgabe stattfindet.
Nur unter dieser Voraussetzung kann das Arbeitsmittel Software ergonomisch und gut nutzbar sein. Software-Ergonomie beinhaltet damit die Benutzerorientierung und die Aufgabenorientierung.
Software-Ergonomie greift zu kurz, wenn sie ihre Aufgabe nur in der Anpassung des Systems an die Fertigkeiten und Fähigkeiten des Individuums versteht. Workflows, Gruppenkalender, Groupware etc. sind Beispiele, die die große Bedeutung der Organisation im Betrieb zeigen, ohne die die sinnvolle Gestaltung eines Programmsnicht möglich ist. Softwareentwicklung muß auch die Organisationsstrukturen, Arbeitsabläufe, Firmenstandards und Unternehmenskulturen berücksichtigen, die Arbeit regeln.
Gestaltungsfelder und -ziele
Zentrale Gestaltungsfelder von Software sind zum einen der Dialog, d.h. die Interaktion des Benutzers/Benutzerin mit dem Programm zur Erledigung der Aufgabe mit seinen Menüs und Befehlen und zum anderen die Benutzungsoberfläche des Programms mit der Anordung der Informationen, Farben und Zeichengröße.
Ziel der Gestaltung ist es, ein handhabbares Programm zu entwickeln, das leichte Erlernbarkeit, Bedienbarkeit und Verständlichkeit ermöglicht. Es ist persönlichkeitsförderlich, wenn es den Fähigkeiten und Kenntnissen des Benutzers/der Benutzerin angepassbar ist.
Benutzungsfreundlich und gebrauchstauglich
Benutzungsfreundlichkeit beschreibt eine in bestimmter Weise festgestellte Bewertung der Nutzungsqualität von Software durch Nutzer/-innen. Dazu werden Experten herangezogen, Fragebögen genutzt oder sogenannte Usability-Tests. In solchenTests werden typische Benutzer/-innen mit typischen Aufgaben bei der Nutzung von Software systematisch beobachtet. Man geht davon aus, dass ein solcher Test bereits bei 3-5 Nutzern 80% der in einem Produkt enthaltenen Usability-Probleme identifizieren kann.
Statt Benutzungsfreundlichkeit beschreibt die deutsche Bedeutung von Usability, der Begriff Gebrauchstauglichkeit, die Nutzungsqualität genauer und dieser Begriff wird auch in der für die Software-Ergonomie zentralen Normenreihe DIN EN ISO 9241 verwendet. Gebrauchstauglich ist ein Programm, wenn es für bestimmte Aufgaben und bestimmte Nutzer/-innen effektiv (wirkungsvoll), effizient (wirtschaftlich) und zufriedenstellend bewertet wird. Die Norm DIN EN ISO 9241 Teil 11 macht hierzu Aussagen, eine geregelte und objektive Prüfung ist möglich. Usability ist bestimmend für die Arbeitsbedingungen.
Barrierfreie Software
Software und Internet ist dann barrierefrei, wenn alle Menschen, auch solche mit körperlichen Beeinträchtigungen die Angebote uneingeschränkt nutzen können. Das ist nicht immer vollständig möglich, der Grad der Bearrierefreiheit läßt sich überprüfen. Hier spricht man von Accessibility. Der Entwurf des neuen Teils 171 der ISO 9214 deckt dies normativ ab.
Wichtig für Blinde sind gut strukturierte Texte, die sie mit technischen Hilfen vorlesen lassen oder in Braille-Schrift ausgeben lassen können. Ältere mit Sehschwächen brauchen Möglichkeiten der Einstellung der Schriftgröße. Spastiker benötigen Tastaurbefehle, wenn sie die Maus nicht nutzen können. Und für Gehörlose sind Bilder verständlicher als komplizierte Texte.
Behörden haben mittlerweile Richtlinien für die Barrierefreiheit ihrer Auftritte entwickelt. Hier gibt es bisher allerdings noch keine Normen.
Normen als Gestaltungsleitlinien
Die wichtigsten Leitlinien zur ergonomischen Gestaltung der Software, und zwar von Benutzungsoberfläche, Zeichenanordnung, Farben, Menüs, Masken und Dialogen sind in der internationalen Normreihe DIN EN ISO 9241 festgelegt.
DIN EN ISO 9241 - Teile mit Bezug zur Software-Ergonomie
- Teil 8: Anforderungen an Farbdarstellungen
- Teil 9: Anforderungen an Eingabegeräte - außer Tastaturen
- Teil 110: Grundsätze der Dialoggestaltung (ersetzt den bisherigen Teil 10)
- Teil 11: Anforderungen an die Gebrauchstauglichkeit - Leitsätze
- Teil 12: Informationsdarstellung
- Teil 13: Benutzerführung
- Teil 14: Dialogführung mittels Menüs
- Teil 15: Dialogführung mittels Kommandosprachen
- Teil 16: Dialogführung mittels direkter Manipulation
- Teil 17: Dialogführung mittels Bildschirmformularen
- Teil 171: Leitlinien für die Zugänglichkeit von Software
Wichtig ist dabei die Norm DIN EN ISO 9241, Teil 110 (früher 10). Sie legt "Grundsätze der Dialoggestaltung" fest:
- Aufgabenangemessenheit – geeignete Funktionalität, Minimierung unnötiger Interaktionen
- Selbstbeschreibungsfähigkeit – Verständlichkeit durch Hilfen / Rückmeldungen
- Steuerbarkeit – Steuerung des Dialogs durch den Benutzer/Benutzerin
- Erwartungskonformität – Konsistenz, Anpassung an das Benutzermodell
- Fehlertoleranz – erkannte Fehler verhindern nicht das Benutzerziel, unerkannte Fehler: leichte Korrektur
- Individualisierbarkeit – Anpassbarkeit an Benutzer/-innen und Arbeitskontext
- Lernförderlichkeit – Anleitung des Benutzers, Erlernzeit minimal, Metaphern
Speziell für Multimediale Software gibt es die Multimedianorm DIN EN ISO 14915 Softwareergonomie für Multimedia-Benutzungsschnittstellen mit weiteren 4 Leitlinien:
- Eignung für kommunikatives Ziel – die vom Anbieter vermittelnden Informationen entsprechen den vom Benutzer/Benutzerin erwarteten.
- Eignung für Wahrnehmung und Verständnis – Die Informationen werden leicht verständlich und korrekt vermittelt.
- Eignung für Informationsfindung – Informationen können trotz Unkenntnis über Themengebiete leicht gefunden werden
- Eignung für Benutzerbeteiligung – Das Programm soll zur Benutzung motivieren und die Aufmerksamkeit des Benutzers erregen.
Herstellerspezifische Richtlinien - Styleguides
Hersteller haben Richtlinien für ihre Programmierer/-innen entwickelt, damit ihre Produkte möglichst einheitlich erscheinen. In diesen, manchmal Styleguides genannten Richtlinien werden Elemente und Formen von Benutzungsoberflächen und ihrer Interaktionsmöglichkeiten beschrieben. Sie garantieren allerdings nicht ein Höchstmaß an Software-Ergonomie oder die optimale Benutzbarkeit. Oft fließen in die Richtlinien der Hersteller Neuentwicklungen ein, die sich im Arbeitsalltag noch nicht bewährt haben. Styleguides entheben also den Entwickler keineswegs der Notwendigkeit, mit den zukünftigen Benutzer/Benutzerinnen seines geplanten Produktes eng zusammen zu arbeiten. Offen bleibt ob das geschieht. Zudem haben nicht alle Entwickler/-innen Kenntnisse der Software-Ergonomie.
Der Servicebereich
Rechtsquellen und Normen
Gesetze und Verordnungen
- Die Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV)
Anhang, Nr. 20 - 22
Berufsgenossenschaftliche Vorschriften, Regeln und Informationen
- Berufsgenossenschaftliche Information BGI 852-3 : Einrichten von Software - Leitfaden und Check für Benutzer,Verwaltungs-Berufsgenossenschaft
- BerufsgenossenschaftlicheInformation BGI 852-1 : Nutzungsqualität von Software - grundlegende Informationen zum Einsatz von Software in Arbeitssystemen, Verwaltungs-Berufsgenossenschaft
- Berufsgenossenschaftliche Information BGI 852-4 : Software-Kauf und Pflichtenheft - Leitfaden und Arbeitshilfen für Kauf, Entwicklung und Beurteilung von Software, Verwaltungs-Berufsgenossenschaft
Normen
- DIN EN ISO 9241: Ergonomische Anforderungen für Bürotätigkeiten mit Bildschirmgeräten bzw. für die neuen Teile: Ergonomie der Mensch-System-Interaktion
- Teil 8, Teil 110, Teile 11-17, Teil 171 (siehe oben)
- DIN EN ISO 10075: Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung
- Teil 1 Allgemeines und Begriffe, Teil 2 Gestaltungsgrundsätze
Literatur
Zum Einlesen:
Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (Hrsg.):
Zusammenwirken Mensch und Arbeitsmittel (Software-Ergonomie)
Themenseite auf www.vbg.de
Jochen Prümper, Gerd von Harten:
Software-Ergonomie - ergonomisch gestaltet und geprüft.
in: Computer und Arbeit 8-9/2007, AIB-Verlag www.aib-verlag.de
verfügbar als
download
(244 kB)
Verwaltungs-Berufsgenossenschaft:
INFO-MAP Software richtig einstellen
Hamburg 2006, download www.vbg.de
Silvia Zimmermann:
Software zum Wohlfühlen
in: Computer Fachwissen 5/2003, Seite 8 ff, download unter www.aib-verlag.de
Lothar Bräutigam:
Software-Ergonomie - Nur ein Luxusartikel?
Folienvortrag, gehalten auf der Cebit 2003
download in Download-Area
Zum Vertiefen:
Christiane Rudlof:
Handbuch Software-Ergonomie. Usebility Engineering.
hg. v. Unfallkasse Post und Telekom. 2. Auflage Tübingen 2006.
als download im UKPT Shop: http://ukpt.shop.jedermann.de
Deutsches Institut für Normung e.V. (DIN) (Hrsg.):
DIN-Taschenbuch 354: Software-Ergonomie. Empfehlungen für die Programmierung und Auswahl von Software,
Berlin (Beuth Verlag) 2004 (Das Taschenbuch ist als CD-ROM veröffentlicht.)
Herczeg, Michael:
Software-Ergonomie Grundlagen der Mensch-Computer-Kommunikation.
München (Oldenbourg-Verlag) 2004
Von der Software-Ergonomie zum Interaction Design
Folienvortrag. Der Vortrag wurde am 14.09.2004 auf dem Workshop "Software-Ergonomie - Neue Erkenntnisse und Entwicklungen", veranstaltet von ver.di innotec und TBS Hessen in Kooperation mit ergo-online, ver.di und IG Metall, gehalten.
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Die internationale Normungsorganisation ISO www.iso.org
Bücher und Broschüren zur Software-Ergonomie
Verwandte Themen
Letzte Änderung: 9.10.2008
-
Bildschirmarbeits-
verordnung
- Prümper, von Harten:
Software-Ergonomie - ergonomisch gestaltet und geprüft.
als pdf-download zur Verfügung gestellt von
- Themenseite
Zusammenwirken
Mensch- Arbeitsmittel
www.vbg.de - online-Initiative des Fraunhofer-Instituts FIT
www.fit-fuer-usability.de - Normungsorganisation ISO
www.iso.org



