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Grundwissen
Übersicht über die Grundsätze der Dialoggestaltung nach DIN EN ISO 9241-110

Autor: Wolfgang Schneider

Die Bildschirmarbeitsverordnung fordert die Berücksichtigung ergonomischer Grundsätze bei Software. Diese software-ergonomischen Grundsätze sind in der für den deutschsprachigen Raum gültigen Norm DIN EN ISO 9241-110 (vorher Teil 10) aufgeführt. Moderne grafische Datenbankanwendungen müssen ebenso wie Internetseiten diese Anforderungen erfüllen, sobald sie unter den Geltungsbereich der Verordnung fallen.

...und das sind die Grundsätze, um die es geht:

  • Dialogwege zwischen Fenstern und innerhalb derselben sowie die dort dargestellten Informationen sollten die Arbeitsschritte zur Erledigung der Arbeitsaufgabe genau abbilden und daher aufgabenangemessen sein.
  • Alle Texte, wie Labels und Meldungen, sollten auf Anhieb verständlich und somit selbstbeschreibend sein.
  • Schaltflächen, Icons und Menüeinträge sollten den Benutzern mit einfachen und flexiblen Dialogwegen zum Ziel der Aufgabe führen, Bedienungsschritte sollten aufhebbar oder rückgängig zu machen sein und damit die Anwendung steuerbar gestalten.
  • Bedienungsabläufe, Symbole und die Anordnung von Informationen sollten innerhalb der Anwendung konsistent sein, dem erworbenen Wissen der Benutzer entsprechen und daher erwartungskonform sein.
  • In allen Situationen sollte das System Fehler vermeiden helfen und Korrekturmöglichkeiten anbieten und dadurch das Programm fehlertolerant machen.
  • Fenstereinstellungen, Spaltenanordnungen in Listen, Sortierungen, Symbolleisten, Menüs, Tastenkürzel, Funktionstasten etc. sollten individuell eingestellt und gespeichert werden können und somit individualisierbar sein.
  • Alle Bedienungsschritte, Tastenkürzel und "Orte", wo bestimmte Informationen, Menüeinträge oder Funktionen zu finden sind, sollten einem leicht zu verstehenden und erlernbaren Prinzip folgen und daher lernförderlich sein.

Prüfung von Software

Beim Prüfen ist es viel besser, sich einzelne Oberflächenbestandteile wie Eingabefelder, Listen und Menüs vorzunehmen und dann auf die Einhaltung der Grundsätze zu schauen. Wenn man nämlich umgekehrt die Norm zur Grundlage nimmt und dann testet, ist man schnell überfordert. 

Auch übergreifende Aspekte, wie die Fensterverschachtelung, die Anordnung der Informationen und die Verteilung der Funktionen (Schaltflächen oder Menüs), können so geprüft werden.

Zusammengefasst

  • Man sollte sich durch die einzelnen Bausteine der Anwendung"hangeln" und nicht durch die Norm. Gefragt wird also: Was gibt es in der Anwendung zu beurteilen und passt das zur Norm?

Die sieben Gestaltungsgrundsätze gemäss DIN EN ISO 9241 Teil 110

 Aufgabenangemessenheit

Ein interaktives System ist aufgabenangemessen, wenn es den Benutzer unterstützt, seine Arbeitsaufgabe zu erledigen, d. h., wenn Funktionalität und Dialog auf den charakteristischen Eigenschaften der Arbeitsaufgabe basieren, anstatt auf der zur Aufgabenerledigung eingesetztenTechnologie.

Beispiel: Vorgabe von Standardwerten bei Eingabefeldern, die von der Arbeitsaufgabe her sinnvoll sind.

Selbstbeschreibungsfähigkeit

Ein Dialog ist in dem Maße selbstbeschreibungsfähig, in dem für den Benutzer zu jeder Zeit offensichtlich ist, in welchem Dialog, an welcher Stelle im Dialog er sich befindet, welche Handlungen unternommen werden können und wie diese ausgeführt werden können.

Beispiel: Anzeige von Zustandsänderungen des Systems: Wann wird eine Eingabe erwartet oder was sind die nächsten Schritte?

  Steuerbarkeit

Ein Dialog ist steuerbar, wenn der Benutzer in der Lage ist, den Dialogablauf zu starten sowie seine Richtung und Geschwindigkeit zu beeinflussen, bis das Ziel erreicht ist.

Beispiel:
In jedem Eingabefeld gibt es eine Möglichkeit, die letzte Eingabe rückgängig zu machen.

Erwartungskonformität

Ein Dialog ist erwartungskonform, wenn er den aus dem Nutzungskontext heraus vorhersehbaren Benutzerbelangen sowie allgemein anerkannten Konventionen entspricht.

ANMERKUNG 1: Allgemein anerkannten Konventionen zu entsprechen, ist lediglich ein Aspekt von Erwartungskonformität.

ANMERKUNG 2: Konsistenz erhöht grundsätzlich die Vorhersehbarkeit eines Dialoges.

Beispiel: Gleiche Verwendung von Funktionscodes und -tasten in allen Masken und Menüs.

Benutzerbelange können z. B. Kenntnisse aus demArbeitsgebiet, der Ausbildung und der Erfahrung sein.

Fehlertoleranz

Ein Dialog ist fehlertolerant, wenn das beabsichtigte Arbeitsergebnis trotz erkennbar fehlerhafter Eingaben entweder mit keinem oder mit minimalem Korrekturaufwand seitens des Benutzers erreicht werden kann.

Beispiel: Ein Eingabefeld erkennt eine fehlerhafte Eingabe automatisch und teilt dies dem Benutzer mit. Trotzdem kann der Benutzer seine Arbeit erst einmal fortsetzen.

Individualisierbarkeit

Ein Dialog ist individualisierbar, wenn Benutzer die Mensch-System-Interaktion und die Darstellung von Informationen ändern können, um diese an ihre individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse anzupassen.

Beispiel: Abschaltbare bzw. erweiterbare Symbolleisten oder Menüs.

Lernförderlichkeit

Ein Dialog ist lernförderlich, wenn er den Benutzer beim Erlernen der Nutzung des interaktiven Systems unterstützt und anleitet.

Beispiel: Durchgängige Konzepte bei der Strukturierung von Dialogen, z. B. ein Menüpunkt, in dem alle Funktionen aufgelistet sind, ein anderer Menüpunkt, in dem alle Einstellmöglichkeiten vorhanden sind; es wird immer der Anfangsbuchstabe bei Shortcuts mit der Strg-Taste verwendet.

Was ist inhaltlich neu in der ISO 9241-110?

Nach einer Resolution der internationalen Normungsorganisation ISO-erhalten alle überarbeiteten softwareergonomischen Normen automatisch einen erweiterten Geltungsbereich. Deutlich wird dies bereits an dem allgemeinen Teil der Überschrift. Der hieß bisher: "Ergonomische Anforderungen für Bürotätigkeiten mit Bildschirmgeräten". Nach der Überarbeitung heißt er nun: "Ergonomie der Mensch-System-Interaktion".

Die neue Fassung der Norm DIN EN ISO 9241-110 gilt somit nicht nur für grafische Benutzungsschnittstellen bzw. Oberflächen im klassischen Büroumfeld,sondern eben auch für Oberflächen anderer Bedienungsbereiche. So kann die Norm auch zur Gestaltung und Bewertung des Software-Dialogs von Kassen oder Automaten mit komplexeren Displays herangezogen werden, wie zum Beispiel bei einem Fahrkartenautomaten.

Leider hat sich die Verordnung noch nicht geändert, was daran liegt, dass dies auf EU-Ebene geschehen muss. Sie bezieht sich im Wesentlichen noch auf Büroarbeitsbereiche.

Die sieben Grundsätze der Dialoggestaltung sind geblieben, die Definitionen wurden aber deutlicher formuliert.


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Rechtsquellen und Normen

Gesetze und Verordnungen
 
  • Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV)
    • Anhang, Nr. 20 - 22 
Normen
  • DIN EN ISO 9241: Ergonomische Anforderungen für Bürotätigkeiten mit Bildschirmgeräten  bzw. neu: Ergonomie der Mensch-System-Interaktion
    • Teil 110 Grundsätze der Dialoggestaltung
  • DIN EN ISO 10075: Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung

Literatur

Zum Einlesen:

S. Zimmermann:
Serie Software-Ergonomie - Grundsätze
Grundsatz: "Aufgabenangemessenheit" Computer Fachwissen 9/03
Grundsatz: "Selbstbeschreibunnsfähigkeit" Computer Fachwissen 10/03
Grundsatz: "Individualisierbarkeit" Computer Fachwissen 11/03
Grundsatz: "Erwartungskonformität" Computer Fachwissen 12/03
Grundsatz: 'Steuerbarkeit' Computer Fachwissen 1/04
Grundsatz: "Fehlertoleranz"  Computer Fachwissen 2/04
Grundsatz "Lernförderlichkeit"  Computer Fachwissen 3/04
AIB-Verlag, zum Teil als download unter www.aib-web.de

Schneider, W.:
Ergonomische Gestaltung von Benutzungsschnittstellen - Kommentar zur Grundsatznorm DIN EN ISO 9241-110.
Hg.: DIN Deutsches Institut für Normung e.V., 2. vollständig überarbeitete Auflage, Berlin Wien Zürich (Beuth Verlag) 2008

Weitere Bücher und Broschüren zum Thema Software-Ergonomie

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Letzte Änderung: 29.4.2010

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7 Gestaltungsgrund-
sätze des Dialogs
Rechtsquellen
  • Bildschirmarbeits-
    verordnung (BildscharbV)
    Anhang, Nr. 20 - 22  


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Literatur

W. Schneider: 
Kommentar zur Grundsatznorm DIN EN ISO 9241-110

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