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Grundwissen
Grundsatz Fehlertoleranz

Autor: Wolfgang Schneider

Definition:
"Ein Dialog ist fehlertolerant, wenn das beabsichtigte Arbeitsergebnis trotz erkennbar fehlerhafter Eingaben entweder mit keinem oder mit minimalem Korrekturaufwand seitens des Benutzers erreicht werden kann.

Erklärung

Etwas umformuliert könnte man sagen, dass das Programm Fehler erkennen und den Benutzer bzw. Benutzerinnen Möglichkeiten zum Korrigieren bereitstellen soll. Dies bedeutet, dass Fehler hervorgehoben und mit Meldungstexten erklärt werden. Auf der anderen Seite kann das Programm "helfen", den Korrekturaufwand zu minimieren bzw. Fehler ganz zu vermeiden.

Beispiel 1: Vermeiden von Fehlern

Vermeiden von Fehlern. Dem Benutzer wird angezeigt, welche Felder er auf jeden Fall auszufüllen hat, wenn er eine Nachricht senden möchte.

Die erste Situation: In einem Mailprogramm hat der Benutzer vergessen, eine Emailadresse und ein Betreff einzugeben und betätigt trotzdem die Senden-Schaltfläche. Es erscheint folgende Meldung:

Bild 1: Fehlermeldung zum fehlenden Betreff im Betrefffeld

Der Benutzer wird aufgefordert, einen Betreff einzugeben. Das Mailprogramm hat also versucht, einen typischen Fehler zu vermeiden helfen. Gleichzeitig zwingt das Mailprogramm den Benutzer nicht zu einer Eingabe, sondern schlägt ihm einen Standardeintrag "kein Betreff" vor. Dieser Eintrag ist bereits selektiert, so dass der Benutzer ihn nicht extra löschen muss, um einen neuen einzugeben.

Allerdings fehlt in diesem Fall auch noch die Emailadresse, so dass sich das Emailprogramm erneut mit einer Meldung beschwert. Wenn der Benutzer die Meldung bestätigt, wird der Cursor automatisch in das Adressfeld gestellt, was den Korrekturaufwand im Sinne der Norm reduziert:

Bild 2: Eingefügter Eintrag in der Betreffzeile und Fehlermeldung zur fehlenden Emailadresse

Bild 3: Cursor steht im Emailadressfeld

Mit Hilfe dieser Dialogabfolge sind also Fehler vermieden und der Korrekturaufwand minimiert worden. Nicht fehlertolerant wäre es z. B., wenn die Mail ohne eine Meldung zur leeren Betreffzeile versendet wird.

Beispiel 2: Hervorheben von Fehlern und Reduzieren des Korrekturaufwands

Ein gutes Beispiel, an dem sich Fehlertoleranz zeigen lässt, ist ein eher fehlerintoleranter MS Standarddialog für Speichern, der in einigen Anwendungen verwendet wird. Bei der Eingabe von nicht zugelassenen Sonderzeichen bekommt man folgende Fehlermeldung:

Bild 4: Fehlermeldung zum ungültigen Dateinamen

Wenn man die Fehlermeldung bestätigt hat, dann kehrt man wieder zum Dialog zurück und der gesamte Dateiname wird markiert:

Bild 5: Markierter Eintrag

Dieses Dialogverhalten könnte noch verbessert werden!

Zunächst die Fehlermeldung. Sie sollte ausführlicher gestaltet sein:

Bild 6: So könnte eine verbesserte Fehlermeldung aussehen

Diese Meldung dürfte für den Benutzer hilfreicher und im Sinne des Grundsatzes Fehlertoleranz sein:

1. Sie erläutert, was falsch ist.
2. Der Fehler ist bereits in der Meldung hervorgehoben.
3. Es werden zusätzliche Informationen über zulässige Zeichen gegeben.
4. Eine konkrete Anweisung erfolgt.

Darüber hinaus passiert nach Rückkehr im Ausgangsdialog folgendes:

Bild 7: Danach ist auch die Situation im Dialog selbst "fehlertoleranter"

1. Das Label wird fett gestellt.
2. Das Feld erhält einen roten Rahmen, um zu signalisieren, dass etwas falsch ist.
3. Es wird ausschließlich der fehlerhafte Bestandteil der Eingabe markiert,wodurch sie durch eine erneute Eingabe einfach zu löschen ist, und es kann sofort neu eingegeben werden (d. h., es muss nicht zunächst die Markierung aufgehoben bzw. zum Fehler hinnavigiert werden).

Durch die Verbesserungen dürfte der Dialog ergonomischer und fehlertoleranter geworden sein.

HINWEIS:
Dieser Artikel soll beispielhaft darstellen, welche ergonomischen Maßnahmen in einer bestimmten Gestaltungskategorie berücksichtigt werden können. Natürlich gibt es noch viel mehr ergonomische Aspekte! Häufig werden diese aber vom Hersteller oder Arbeitgeber nicht richtig eingestuft oder erkannt. Deswegen ist es unbedingt erforderlich, bei einzelnen ergonomischen Problemen einen Usability-Experten hinzuzuziehen, um die Benutzbarkeit insgesamt einschätzen zu lassen. Zusätzlich sollte auf die Qualität ergonomischer Maßnahmen und auf eine fachliche Ausbildung (z. B. ein Psychologiestudium mit Schwerpunkt Ergonomie) derjenigen Personen geachtet werden, die ergonomisch aktiv sind. So reicht es z. B. nicht aus, als Entwickler ein Seminar zu besuchen oder ein Buch mit ergonomischem Zusatzwissen zu kaufen.
 

Der Servicebereich

Rechtsquellen und Normen  

Gesetze und Verordnungen
  • Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV)
    • Anhang, Nr. 20 - 22
Normen
  • DIN EN ISO 9241: Ergonomie der Mensch-System-Interaktion 
    • Teil 110: Grundsätze der Dialoggestaltung 

Literatur   

Zum Vertiefen:

Schneider, W.:
Ergonomische Gestaltung von Benutzungsschnittstellen - Kommentar zur Grundsatznorm DIN EN ISO 9241-110.
Hg.: DIN Deutsches Institut für Normung e.V., 2. vollständig überarbeitete Auflage, Berlin Wien Zürich (Beuth Verlag) 2008

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Letzte Änderung: 23.2.2010

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Rechtsquellen
  • DIN EN ISO 9241 Mensch-System-Interaktion
    Teil 110 Grundsätze der Dialoggestaltung


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