ergo online
Arbeit im Büro gesund gestalten

Grundwissen
Rückenschule

Autorin: Ulla Wittig-Goetz

Übersicht

  • Zu einer arbeitsplatzbezogenen Rückenschule gehört ein speziell auf die jeweiligen Arbeitsbedingungen zugeschnittenes Programm.
  • Sie sollte während der Arbeitszeit stattfinden und der Prävention von Rückenerkrankungen dienen.
  • Am Arbeitsplatz direkt wird die ergonomische Kompetenz der Beschäftigten gestärkt.
  • Die Beteiligten trainieren zudem rückengerechtes Verhalten bspw. bei der Computerarbeit.
  • Der Einsatz von Rückenschulen wirkt sich vor allem dann positiv aus, wenn gemeinsam mit den Beschäftigten versucht wird, insgesamt gesundheitsgerechtere Arbeitsbedingungen zu gestalten.
  • Unternehmen und Mitarbeiter/-innen können davon profitieren.

Die meisten krankheitsbedingten Fehltage verursachen Muskel- und Skeletterkrankungen. Einige Unternehmen bieten deshalb inzwischen Rückenschulen für die Beschäftigten an, um diesen meist sehr langwierigen Leiden vorzubeugen.

Hexenschuss, Bandscheiben, Verspannungen & Co.

Die Hexe kann  auf jeden schießen

Von Rückenbeschwerden sind besonders die 30- bis 50-Jährigen betroffen. Dies hängt damit zusammen, dass in dieser Lebensphase die beruflichen und privaten Anforderungen in der Regel am höchsten sind und oft auch die Zeit für Ausgleich und Sport fehlt. Außerdem gelten die degenerativen Prozesse der Wirbelsäule in diesem Alter als am aktivsten.

Als berufliche Risikofaktoren werden von Arbeitsmedizinern ständiges und falsches Sitzen (Bildschirmarbeitsplatz) oder Stehen sowie schweres Heben und Tragen (z. B. auf dem Bau oder in Pflegeberufen) genannt. Auch psychische Belastungen im Job, wie Stress, Überforderung oder Monotonie, können Rückenleiden verursachen oder verstärken. Zudem spielt für einen gesunden Rücken die ergonomische Qualität des Arbeitsplatzes eine wichtige Rolle.

Rückenschulen sind keine Gymnastikstunden

Sie verfolgen im allgemeinen drei Ziele:

  • Informationen über die physiologischen Grundlagen des Haltungs- und Bewegungsapparates
  • Verhaltenstraining für eine rückenfreundliche Haltung und Bewegung im (Arbeits-) Alltag
  • Ausgleichsgymnastik vor allem zur Entlastung besonders beanspruchter Muskelpartien und zur Kräftigung vernachlässigter Muskelgruppen

Rückenschulen im Betrieb

Da vielerlei berufliche Faktoren dafür verantwortlich sein können, wenn einen der Rücken plagt, haben sich in der Praxis vor allem die Rückenschulen als sinnvoll erwiesen, die auch die jeweiligen Beingungen am Arbeitsplatz berücksichtigen. Insofern unterscheidet sich eine arbeitsplatzbezogene Rückenschule ganz wesentlich von einer konventioneller Art, wie sie bspw. von Sportvereinen oder Fitnesszentren angeboten werden.

Den Arbeitsplatz und das eigene Verhalten im Visier

Ergänzend zur klassischen Rückenschule werden bei der arbeitsplatzbezogenen Schulung - sofern die Qualität stimmt - zusätzlich Arbeitsplatzbegehungen und -analysen durchgeführt, um ergonomische Gestaltungsdefizite zu erkennen und zu beseitigen. Unter Anleitung eines Fachmanns oder einer -frau lassen sich dabei auch Arbeitsvorgänge unter anatomischen Gesichtspunkten gemeinsam analysieren und rückenfreundlichere Haltungs- und Bewegungsabläufe einstudieren. Gute Erfahrungen wurden z. B. schon mit einem Hebe- und Tragetraining für Ladearbeiter auf dem Frankfurter Flughafen oder im Pflegebereich gemacht.

Rückenschulung am Computerarbeitsplatz

Auch an Bildschirmarbeitsplätzen können die Haltungs- und Bewegungsabläufe auf Rückentauglichkeit hin untersucht werden. Dabei sollen die Teilnehmer/-innen lernen die richtige Körperhaltung im Sitzen einzunehmen, die Sitzposition häufig zu wechseln, also dynamisch zu sitzen, und das Sitzen möglichst oft durch Steh- und Gehphasen zu unterbrechen, d. h. für Steh-Sitzdynamik zu sorgen. Dazu gehört natürlich auch die richtige Einstellung des Arbeitsstuhls und die korrekte Aufstellung und Verwendung der Arbeitsmittel (vom Bildschirm bis zur Tastatur). Um wirklich langfristige Veränderungen in Unternehmen zu erzielen, sollten Maßnahmen wie eine Rückenschule in ein Programm zur betrieblichen Gesundheitsförderung integriert werden, in das die Belegschaft aktiv eingebunden ist.

Vorher

Nachher

Bild 1: Fehlhaltung am Arbeitsplatz. (Quelle: Gesundheitsförderung im Büro, Hrsg.: officeplus, 1996)
Bild 2: Dynamisches Sitzen. (Quelle: Dynamisch Sitzen, Quelle: Grahl GmbH)

Lehrplan für Rückenfitness

Zusätzlich zum Stoff einer konventionell ausgerichteten Schulung mit ihrem Theorieteil und den praktischen Übungen für den Bewegungsapparat ergeben sich daraus folgende Inhalte:

Instrument Lerninhalt

Arbeitsplatzbegehung

  • Grundlagen der Ergonomie
 
  • Arbeitsplatzcheck
 
  • ergonomische Mängelbeseitigung

Übungen am Arbeitsplatz

  • rückenfreundliche Arbeitshaltung einnehmen
 
  • die Arbeitsmittel und das Mobiliar ergonomisch korrekt einstellen
 
  • gymnastische "Minipause" am Arbeitsplatz praktisch durchführen



                        

Bild 1 und 2: Haltungsübungen im Sitzen. (Quelle: Faltblatt der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft VBG: "Gymnastik im Büro")

Qualitätskriterien für Rückenschulen

Eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bestätigt, dass zur Prävention von Wirbelsäulenerkrankungen hauptsächlich die Maßnahmen erfolgversprechend sind, die langfristig angelegt werden und deren Arbeitsplatzbezug gesichert ist. Außerdem sei die Kombination von verhältnis- und verhaltenspräventiver Strategien bedeutsam sowie die Partizipation der Belegschaft am Gesamtgeschehen.

Während der Arbeitszeit

Am besten findet eine Rückenschulung während der Arbeitszeit statt, denn das sichert am ehesten den vorbeugenden Effekt. Erfahrungen mit Kursen außerhalb der Arbeitszeit haben nämlich gezeigt, dass meist nur diejenigen MitarbeiterInnen sie besuchen, die bereits Beschwerden haben.

Zur Organisation von Rückenschulen

Der zeitliche Umfang von Rückenschulen variiert in der Praxis von vier bis zehn Stunden. Auch ganztägige Veranstaltungen werden durchgeführt. Auffrischungsphasen, die von Zeit zu Zeit stattfinden, erhöhen die Wirksamkeit. Die Anzahl der Teilnehmer/-innen reicht von vier bis 15 Personen. Wenn kein freier Raum für die gymnastischen Übungen und den Theorieteil zur Verfügung steht, lassen sich auch Pausenräume für die Durchführung der Kurse umfunktionieren. Zur Ausstattung sind lediglich Gymnastikmatten, einige Stühle und Gymnastikbälle sowie eine Wandtafel notwendig.

Wer sind die Fachleute

Rückenschulkurse geben Orthopäden/Ortopädinnen, Krankengymnasten oder Sportlehrer/-innen.

Gewinn für Mitarbeiter/-innen und Unternehmen

Vorteile für die Beschäftigten
    • Die Teilnehmer/-innen haben die Möglichkeit, aktiv etwas für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu tun
    • Fachleute vermitteln ihnen rückengerechtes Verhalten und ausgleichende Gymnastik- und Entspannungsübungen
    • Durch die gemeinsame "Rückenarbeit" entwickeln sich gruppendynamische Prozesse, die häufig den Umgang der Kollegen/-innen untereinander verbessern. Dies wirkt stressreduzierend und gesundheitsfördernd.
Vorteile für das Unternehmen
    • Durch ein speziell auf die jeweilige Arbeitsplatzsituation zugeschnittenes Programm, verbessert sich der Gesundheitszustand der Mitarbeiter/-innen. Dies kann sich positiv auf den Krankenstand im Unternehmen auswirken, vorausgesetzt notwendige Veränderungen werden realisiert.
    • Auch die Arbeitsmotivation der Beschäftigten lässt sich dadurch erhöhen.
    • Rückenschulen können zudem das Betriebsklima fördern.
    • Das Wohlbefinden der Mitarbeiter/-innen ist ein wichtiger Wettbewerbsfaktor.

    Der Servicebereich

    Literatur

    Zum Einlesen:  

    Verwaltungs-Berufsgenossenschaft:
    Rückenprävention oder Mein Schweinehund und ich,
    online Rückenpräventions-Programm oder CD-Rom, www.vbg.de und Qualifizierungsangebote/e-learning

    Uwe Nickel/Petra Kuch/Wolfgang Bauer:
    Gesundes Arbeiten lernen. Das Arbeitsplatzprogramm
    Wiesbaden (Universum Verlagsanstalt) 1998
     
    AOK (Hrsg.):
    Die arbeitsplatzbezogene Rückenschule
    Bad Homburg 2000, Bestellung unter www.aok-bv.de
     
    Zum Vertiefen:
     
    Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Hrsg.):
    Evaluationskriterien für Arbeitsplatzprogramme zur Prävention von Muskel- und Skeletterkrankungen
    Dortmund, Berlin 1998
     
    Uwe Osterholz:
    Der Einfluss psycho-sozialer Faktoren am Arbeitsplatz auf die Genese von Muskel- und Skeletterkrankungen
    in: Bernhard Badura u. a. (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 1999
    Berlin, Heidelberg, New York 1999

    Verwandte Themen

    Letzte Änderung: 20.4.2004

    Logo Ergo Online
    © 2016 Beratungsstelle für Technologiefolgen und Qualifizierung (BTQ Kassel)

    Literaturtipps
    AOK (Hrsg.): Die arbeitsplatzbezogene Rückenschule, Bad Homburg 2000, Bestellung unter www.aok-bv.de
     

    mehr
    Verwandte Themen
    Inhaltsverzeichnis