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Expertenwissen
Stress und Strain

Autor: Prof. Dr. Hardo Sorgatz

Übersicht 

  • Stress führt stets auch zu körperlichen Reaktionen.
  • Um die Anforderung zu bewältigen, stellt der Körper zusätzliche Energie zur Verfügung.
  • Dabei spielt auch die subjektive Bewertung des Stressors eine Rolle.
  • Egal, ob positiver oder negativer Stress – jedes Stresserlebnis erfordert eine Entspannungsphase.
  • Erfolgreiche Stressbewältigung setzt voraus, dass Stressoren zwar erkannt, aber übermäßige Reaktionen des Nervensystems vermieden werden.
  • Letzteres lässt sich trainieren.

Stress erscheint heutzutage als ein allgegenwärtiges Phänomen. Umso wichtiger ist eine erfolgreiche Stressbewältigung.

Stress (= Beanspruchung) und Strain (sprich: strehn = Belastung) umschreiben außergewöhnliche Anforderungen an Körper und Geist. Das Geräusch eines lauten Druckers ist Stress. Die damit verbundenen Reaktionen in Hörorgan und Nerven sind der Strain. Überschnelles Schreiben aufgrund von Termindruck ist Stress. Die dafür notwendige hochfrequente Reaktion der Fingermuskeln kann als wiederholter bzw. repetitiver Strain zu kleinsten Muskelverletzungen (Repetitive Strain Injuries) führen. Das psychische Erleben des Termindrucks verursacht Dauer-Strain. Allgemeine Muskelverspannung, verminderte Durchblutung und unangenehme Gedanken treten auf. Stress führt also zu Strain, d. h. eine übermäßige Beanspruchung kann eine körperliche Belastung zur Folge haben.

Stress-Reize (Stressoren) veranlassen den Organismus zu einer Bereitstellungsreaktion, die zu Stress-Erleben führt und aufgrund bestimmter Bewältigungsmuster eine der Aufgaben angemessene Feinabstimmung bzw. Regulation des Nervensystems bewirkt.

Stress als Bereitstellungsreaktion

Jeder Stressor ruft im Körper zuerst eine allgemeine Bereitstellung von zusätzlicher Energie hervor, um die außergewöhnliche Anforderung auch zu bewältigen. Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, und alle Muskeln werden angespannt, um maximale Kraft zu entwickeln. Zellbrennstoff und Hormone werden freigesetzt. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf den Stressor, und das Gedächtnis sucht nach geeigneten Verhaltensweisen für die Bearbeitung der neuen Aufgabe. Würde für die Anforderung zuwenig Energie bereitgestellt, müsste der Organismus auf Notreserven zurückgreifen, was die Belastung der Bewegungsorgane erhöht. Wenn jedoch ein Übermaß an Energie ausgeschüttet worden ist, muss diese in Organen verbraucht werden, die an der Aufgabenbewältigung gar nicht beteiligt sind.

Stress-Erleben

Ein Ungleichgewicht von Anforderung und verfügbaren Mitteln, um sie zu bewältigen, wird als Stress erlebt. Zumeist erst dann, wenn die Stress-Situation vorüber ist, bemerkt man den Energiemangel als Erschöpfung bzw. die überschüssige Energie als weiter bestehende innere Übererregung.

Unsere Vorfahren reagierten auf viele Anforderungen mit Kampf oder Flucht. Bei beidem verbrauchten die Muskeln sehr viel Energie. Für das Überleben war daher immer ein Höchstmaß an Energie bereitzustellen. Diese aus grauen Vorzeiten vererbte Reaktion bereitet dem heutigen Menschen die häufigsten Stressprobleme. Die Anforderungen durch den modernen Bildschirmalltag bedürfen der Aktivierung vieler Kenntnisse, jedoch nur sehr wenig Energien für die Muskeln.

Stress wird daher oft als Energieüberschuss erlebt. Je nachdem, ob Erfolg oder Misserfolg erzielt wurde, kann dieses Erleben unangenehm (Dis-Stress) oder angenehm (Eu-Stress) verlaufen. In beiden Fällen wird jedoch zuviel Energie freigesetzt, die nach der Aufgabenbewältigung vom Körper abgebaut gehört.

Ein gewisses Ausmaß an Stresserleben scheint lebensnotwendig zu sein. Das Auf und Ab zwischen Stress- und Erholungsphasen reguliert ein komplizierter Mechanismus, der anscheinend immer wieder trainiert werden muss, um die Zusammenarbeit zwischen Organismus und Umweltreizen zu optimieren.

Stress-Regulation

Die Vorbereitung des Organismus auf Stressoren nehmen zwei besondere Teile unseres Nervensystems vor, die keiner direkten willentlichen Kontrolle unterstehen. Das "sympathische" Nervensystem stellt Energie bereit. Das "parasympathische" Nervensystem hemmt diesen Vorgang und macht ihn wieder rückgängig. Diese beiden Teile des Nervensystems erzeugen damit Bedingungen, unter denen das Zentralnervensystem (Gehirn und Rückenmarksnerven), zuständig für Wahrnehmung, Denken und Bewegung, gut funktioniert.

Das Ausmaß der Stress-bedingten Energiemenge hängt einmal von der unbewussten, allerersten Bewertung des Stressors ab. Wird er als Überforderung eingeschätzt, verbinden sich damit Angstgefühle, die einen Kampf/Flucht-Mechanismus in Gang setzten. Auch bei neuartigen, unbekannten Stressoren (z.B. Rechnerabstürzen, nicht nachvollziehbaren Programmfehlern, aggressiven Ansprüchen ansonsten umgänglicher Personen) stellt der Körper vorsichtshalber mehr Energie bereit als er vielleicht später benötigt.

Wenn der Betroffene in einem zweiten Bewertungsschritt glaubt, die Anforderung gut bewältigen zu können, wird weniger Energie erzeugt. Bekannte Anforderungen lösen daher weniger Erregung aus.

Die Weiche zu Dis-Stress oder Eu-Stress wird erst bei nachträglicher Bewertung der Aufgabenlösung gestellt. Wurde das Problem gut behoben, empfindet man den anschließenden Energieabfall als höchst angenehm. Eine bewältigte Aufgabe bedeutet, dass dafür keine weitere Energie mehr nötig ist, überschüssige also möglichst schnell abzubauen ist. Andernfalls muss noch mit weiteren Anstrengungen gerechnet werden, und "die Nerven liegen bloß". Auf jede zusätzliche Anforderung wird "gereizt" reagiert, weil der Organismus noch Restenergie bereit hält und keinen neuen Schub vertragen kann.

Jedes Stress-Erlebnis bedarf einer anschließenden Erholungsphase, egal, ob Eu-Stress oder Dis-Stress vorgelegen hat. Das parasympathische Nervensystem muss Zeit haben, die Energiezufuhr herunterzuregulieren. Andernfalls sind dauerhafte Übererregungen und langfristig auch Organschäden zu erwarten.

Stressbewältigung

Erfolgreiche Stressbewältigung setzt zum einen eine genaue Wahrnehmung von Stressoren und zum anderen ein bestimmtes Bewältigungsverhalten voraus.

Selbst geringfügiger Lärm, schlechte Beleuchtung, flimmernde Bildschirme und Zeitdruck sind Dauerstressoren, die selten bewusst wahrgenommen werden, aber das sympathische Nervensystem mit erregen. Instabile Programme, plötzliche Rechner-Abstürze, fehlerhafte Tastaturen, Spiegelbilder im Bildschirm stellen neben unvorbereiteten Aufgaben akute Stressoren dar, die bei der unbewussten Erstbewertung unnötig viel Energie auslösen.

Mangelnde Vorbereitung, unzureichende Programmschulung, ausschließlich fremdbestimmtes Arbeiten, undurchsichtige Geschäftsabläufe und auch Unterforderung durch Monotonie führen zu einem Versagen auf der zweiten Bewertungsstufe, weil für die augenblicklichen Anforderungen keine Lösungsstrategien parat sind.

Spezielle Stressbewältigungsprogramme dienen dazu, die Wahrnehmung von akuten Stressoren so zu verändern, dass eine parasympathische De-Regulation erfolgt. Zudem werden Denkmechanismen geschult, den zweiten Bewertungsschritt lösungsorientierter zu gestalten. Als Lösung gilt dabei nicht in erster Linie die kompetente Bewältigung der Aufgabe, sondern maßgeblich ist, eine übermäßige Reaktion des sympathischen Nervensystems zu verhindern.

Verschiedene Einrichtungen bieten Stressbewältigungsprogramme an. Auch in Unternehmen werden sie teilweise für Beschäftigte in allen Hierarchiestufen durchgeführt. Ihre Erfolge können individuelle Verhaltensdefizite beim Umgang mit Stress ausgleichen. Sie entbinden aber nicht von einer sorgfältigen Analyse und Änderung der eigentlichen stresshaften Arbeitsverhältnisse.

 

Der Servicebereich

Literatur

Zum Einlesen:

Angelika Wagner-Link:
Der Stress. Stressoren erkennen. Belastungen vermeiden. Stress bewältigen.
hg. von Techniker-Krankenkasse
Hamburg 21. Auflage 2011, Bezug: Techniker Krankenkasse, Hauptverwaltung, 22291 Hamburg und www.tk.de (download)  

Zum Vertiefen: 
 
Lohmann-Haislah, A.:
Stressreport Deutschland 2012. Psychische Anforderungen, Ressourcen und Befinden.
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 1. Auflage, Dortmund 2012
 
Dr. Margrit Kölbach/Prof. Dr. Dieter Zapf:
Psychische Belastungen in der Arbeitswelt - von Stress, Mobbing, Angst und Burnout.
hg. v. TBS gGmbH Rheinland-Pfalz
Mainz 2008, bestellen bei www.tbs-rheinlandpfalz.de  unter Publikationen
 
Klaus Linneweh:
Stresskompetenz. Der erfolgreiche Umgang mit Belastungssituationen in Beruf und Alltag,
Weinheim, Basel (Beltz-Verlag) 2002 
 
 
Bücher und Broschüren zu psychischen Belastungen und Stress

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Letzte Änderung: 1.09.2005

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Literaturtipps
  • Der Stress. Stressoren erkennen. Belastungen vermeiden. Stress bewältigen. hg. von Techniker-Krankenkasse 2011

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