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Arbeit im Büro gesund gestalten

Grundwissen
Rücken, Schulter & Nacken

Autorin: Ulla Wittig-Goetz

Übersicht

  • Rückenleiden stehen an der Spitze der Krankenstandsstatistiken.
  • Ständiges und meist noch falsches Sitzen geht auf die Wirbelsäule.
  • Auch psychosoziale Belastungen im Beruf verursachen Rückenschmerzen.
  • Die beste Vorbeugung ist eine Arbeitsgestaltung die körperlich und geistig "bewegliches" Arbeiten fördert.
  • Vor allem die Zufriedenheit mit der Arbeit kann den Rücken stärken.
  • Ansatzpunkte für die Prävention liegen in arbeitsorganisatorischen, ergonomischen, verhaltensorientierten und betriebsklimatischen Veränderungen.

In den letzten Jahren haben Rückenbeschwerden epidemieartig zugenommen. Dabei spielen auch Arbeitsbedingungen eine Rolle: vom richtigen Stuhl über vorhandene Entscheidungsbefugnisse bis hin zum Betriebsklima.

Vorsorgemaßnahmen

Die eigenen Ressourcen stärken

Die eigenen Ressourcen entscheiden mit darüber, ob die Arbeit krank macht. Jeder Mensch verfügt über verschiedene Möglichkeiten, mit Beanspruchungen umzugehen. Wer fähig ist oder es lernt, bspw. Konflikte auszutragen und seine Rechte wahrzunehmen, gewinnt an innerer Haltung. Mutig sein, sich einmischen und für Verbesserungen einzutreten, entkrampft und stärkt den Rücken.

Verhaltenshinweise

Arbeitsmediziner empfehlen, dass mindestens ein Viertel der täglichen Arbeitszeit in Bewegung verbracht werden sollte. Das Sitzen sei dagegen auf 50 Prozent der Arbeitszeit zu begrenzen.  

  • Alles, was nicht im Sitzen erledigt werden muss, kann man stehend tun bspw. die Post öffnen, Telefonieren usw.
  • Wenn es etwas mit Kollegen und Kolleginnen zu besprechen gilt, kann man hingehen, statt zu telefonieren. Das schafft Bewegung.
  • Besprechungen lassen sich auch mal stehend durchführen.
  • Büromaterial und Arbeitsunterlagen, die in weiter entfernt stehenden Regalen liegen, sorgen ebenfalls für mehr Bewegung.
  • Auch Drucker oder das Fax, die in anderen Räumlichkeiten untergebracht sind, bringen Bewegung in den Arbeitsalltag.
  • Regelmäßige kurze, "bewegte" Pausen entlasten den Rücken. Dazu eignen sich spezielle Übungen. Auch eine Rückenschule kann hilfreich sein.
  • Dynamisches Sitzen oder auch abwechselnd dazu an einem auf Stehhöhe verstellbaren Arbeitstisch oder Stehpult zu arbeiten, sorgen für Rückenpflege.
  • Der Versuch, ein Problem "auszusitzen", lähmt die Kreativität. Beim Gehen lässt sich hingegen besser denken als im Sitzen. Bei der Suche nach Problemlösungen empfiehlt es sich, im Büro oder auf dem Flur auf und ab zu gehen.

    Belastungen und Beschwerden

    Krankenstand   

    Die meisten krankheitsbedingten Fehltage verursachen Muskel- und Skeletterkrankungen, da die Betroffenen meist relativ lang ausfallen.

    Belastungsfaktor Sitzen

    An Bildschirmarbeitsplätzen wird 80 bis 85 Prozent der täglichen Arbeitszeit gesessen. Sitzen beansprucht die Wirbelsäule und die Rückenmuskulatur stärker als Stehen oder Gehen. Beim Stehen ist die Bandscheibe der Lendenwirbelsäule einem Druck von 100 Prozent ausgesetzt, beim geraden Sitzen steigert sich das auf 140 Prozent, beim Sitzen in vorgebeugter Haltung sogar auf 190 Prozent.

    Bild 1: Druck auf die Bandscheiben bei verschiedenen Haltungen (Quelle: AOK, Fit im Büro)
    Folgen der Vielsitzerei

    Durch ständiges Sitzen erschlafft die Rumpfmuskulatur. Erst recht beansprucht die nach vorne gebeugte Haltung übermäßig Bänder und Bandscheiben. Die Muskeln bilden sich dabei zurück, bis sie ihre natürliche Stützfunktion für die Wirbelsäule nicht mehr erfüllen können.
     

    Bild 2: Teil der Wirbelsäule - 2 Wirbel mit Zwischenwirbelscheibe ("Bandscheibe"). Diese ist dehnbar und verformbar, unterliegt aber auch dem Verschleiß. (Bildquelle: Sitzen im Büro, Hg.: Grahl GmbH, Steyerberg)

    Die Einführung von Bildschirmarbeit hat das Sitzen ausgedehnt. Der Computer übernimmt Funktionen, für die man sich früher selbst noch in Bewegung setzen musste: ein zweimaliger Mausklick ersetzt bspw. den Gang zum Regal, um einen Ordner zu suchen. Der starre Blick auf den Computer löst Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich aus. Verstärkend wirken sich noch eingenommene Zwangshaltungen in Folge ergonomischer Defizite aus. 

    Bild 3: Bei chronischen Verspannungen schmerzen vor allem die Ansatzpunkte (1) der Muskeln und Sehnen des Rückens. (Quelle: Stiftung Warentest, Gesunder Rücken, Berlin 1996)

    Gesundheitsstörungen

    Ständiges Sitzen und dabei eingenommene Zwangshaltungen schaden der Wirbelsäule und können Rückenschmerzen, aber auch chronische Wirbelsäulenerkrankungen hervorrufen. Sie behindern Atmung, Blutzirkulation sowie Verdauung, und sie ermüden. Weitere mögliche Folgen sind: Durchblutungsstörungen, Verdauungsprobleme, Kopf- Nacken und Schulterschmerzen sowie Beschwerden in Armen und Händen.
     

    Folgen des Bewegungsmangels beim Sitzen

    Kopfschmerzen
    Schulterschmerzen
    Kreuzschmerzen
    Rückenschmerzen
    Verdauungs-
    beschwerden
    Schmerzende Beine
    Herz-/Kreislaufstörungen
    Muskelinaktivität
    geringe Hirndurchblutung
    Sehstörungen
    Ohrengeräusche
    Schluckbeschwerden Venen- und Lymphstau
    Fehlfunktion der Kiefergelenke Muskelschwund
    Konzentrationsstörungen Muskelverkürzung
    Armschmerzen
    Muskelschwache Füße
    Schwund der Fitness

    Bild 4: Folgen des Bewegungsmangels (Quelle: Gesundheitsförderung im Büro, Hg.: officeplus, 2. Aufl., 1996)  

    Typische Erschwernisse

    Psychische Faktoren

    Neuere arbeitsmedizinische Erkenntnisse belegen, dass psychische Belastungen für Rückenleiden mitverantwortlich sind. Stress durch Zeitdruck und hohe Arbeitsintensität spielen dabei eine große Rolle. Eine immer gleich monotone Arbeit, ohne Entscheidungsbefugnisse und Handlungsspielräume presst Körper und Geist in ein enges Korsett. Die Folge sind Muskelverspannungen, die Rückenschmerzen verursachen.

    Psychosoziale Faktoren

    Wenn der Rücken schmerzt, liegt das häufig auch an psychosozialen Belastungen wie Konflikten am Arbeitsplatz. Widersprüchliche Arbeitsanweisungen, mangelnde Anerkennung und Unterstützung sowie die Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes verspannen Körper und Psyche.

    Entscheidend: Zufriedenheit im Beruf

    Wer mit seiner Arbeit unzufrieden ist, neigt deutlich mehr zu Rückenbeschwerden als jemand, der seinen Beruf gerne ausübt.

    Gestaltungshinweise

    Vorsorge

    Präventive Maßnahmen wirken vor allem dann effektiv, wenn sie arbeitsorganisatorische, ergonomische und verhaltensorientierte Veränderungen miteinander verknüpfen und dabei auch das Betriebsklima berücksichtigen.

    Ergonomie

    Der Bildschirmarbeitsplatz muss ergonomisch gestaltet sein. Zu beachten sind deshalb die ergonomische Qualität von Bildschirm, Tastatur, MausStuhl und Arbeitstisch. Auch die Beleuchtung muss stimmen. Wenn eine Sehschwäche vorliegt, sollte die Bildschirmbrille der Arbeit angepasst sein. Vor allem der Bürostuhl und der Schreibtisch müssen gut aufeinander abgestimmt sein. Ein auf Stehhöhe leicht verstellbarer Arbeitstisch ist ideal zum Arbeiten im Stehen.

    Arbeitsorganisation

    Durch arbeitsorganisatorische Maßnahmen können starre Arbeitsteilung und monotone verantwortungs- und entscheidungsarme Arbeitsabläufe verändert werden. Das fördert die Arbeitszufriedenheit und stärkt die Gesundheit der Beschäftigten.

    Die einseitigen Belastungen durch die Bildschirmarbeit lassen sich reduzieren, wenn die Tätigkeit auf maximal 50 Prozent der täglichen Arbeitszeit begrenzt wird und ansonsten andere z.B. organisatorische Aufgaben erledigt werden, also Mischarbeit stattfindet.

    Für ausreichend Pausen ist zu sorgen.

    Betriebsklima   

    Auch das Betriebsklima bedarf der Pflege. Dazu trägt der Abbau übermäßiger Kontrollen bei. Um sich wohlzufühlen benötigen Beschäftigte die Anerkennung durch Kollegen und Vorgesetzte. Eine Rückmeldung zum Arbeitsergebnis, transparente Entscheidungsprozesse und eine entsprechende betriebliche Informationspolitik befruchten das Betriebsklima positiv. Auch Mobbing lässt sich vorbeugen.

     

    Der Servicebereich

    Rechtsquellen und Normen 

    Gesetze und Verordnungen
    • Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV
      • § 3 Beurteilung der Arbeitsbedingungen
      • § 4 Anforderungen an die Gestaltung
      • § 5 Täglicher Arbeitsablauf
      • Anhang über an Bildschirmarbeitsplätzen zu stellende Mindestanforderungen 
    Berufsgenossenschaftliche Vorschriften, Regeln und Informationen
    • Berufsgenossenschaftliche Information BGI 597-16: Signale des Körpers
      Minibroschüre, Reihe Arbeit und Gesundheit, Sicherheit für Sie Nr. 16, hg. v. Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften, Wiesbaden (Universum Verlagsanstalt) 2001

    Literatur  

    Zum Einlesen:

    BKK Bundesverband (Hrsg.):
    BKK Faktenspiegel: Rückengesundheit.
    BKK Bundesverband Essen 2008

    Stiftung Warentest/Verbraucher-Zentrale NRW/Verein für Konsumenteninformation:
    Wir stärken Ihnen den Rücken: Haltung wahren
    Gesundheitstipps, hg. von BKK Bundesverband 2006, download unter www.bkk.de

    Techniker Krankenkasse:
    Gesunder Rücken
    online-Informationen mit Grundlageninformationen, Krankheitsbildern, Übungen und Tests
    www.tk.de 

    Kreuzschmerzen
    hg. von der Techniker Krankenkasse
    download unter www.tk.de unter Patienteninformationen

    Stiftung Warentest/Verbraucher-Zentrale NRW/Verein für Konsumenteninformation:
    Das Rückenbuch. Aktiv gegen Schmerzen
    Berlin 2004 

    Manfred Just/ Werner Jungkunz:
    Schmerz lass nach. JUST_FIVE – das Programm zur Selbsthilfe bei Wirbelsäulen-, Gelenk- und Muskelbeschwerden,
    Wiesbaden (UniversumVerlagsanstalt) 2003
     

    Zum Vertiefen:

    Dr. R. Schweer (Verwaltungs-BG):
    Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) und psychische Einwirkungen.
    Tagungsbeitrag in: Das UVMG umsetzen! Anforderungen an Unfallversicherung und Selbstverwaltung. 7. Tagung der ver.di-Vertreterinnen in den Selbstverwaltungsorganen der gesetzlichen Unfallversicherung am 13.-14. Mai 2009 in Berlin.
    Tagungsdokumentation hg. von Gewerkschaft ver.di Berlin 2009. 
    download unter www.sopo.verdi.de

    Hj. Gebhardt, A. Klußmann, P. Dolfen, M. A. Rieger, F. Liebers, B. H. Müller:
    Beschwerden und Erkrankungen der oberen Extremitäten an Bildschirmarbeitsplätzen
    Bremerhaven (Wirtschaftsverlag NW Verlag für neue Wissenschaft GmbH), 1. Auflage 2006 (Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Forschungsbericht, Fb 1082)

    Uwe Lenhardt/Thomas Elkeles/ Rolf Rosenbrock:
    Betriebsproblem Rückenschmerz. Eine gesundheitswissenschaftliche Bestandsaufnahme zu Verursachung, Verbreitung und Verhütung
    Weinheim, München (Juventa Verlag) 1997

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    Letzte Änderung: 29.9.2004

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    Rechtsquellen
    • Bildschirmarbeits-
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    Literatur
    • Wir stärken Ihnen den Rücken: Haltung wahren
      BKK Bundesverband 2006 


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