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Expertenwissen
RSI - Bewegungsschmerzen in Hand und Arm

Autor: Prof. Dr. Hardo Sorgatz

Übersicht 

  • RSI Repetetive Strain Injury, ist ein Sammelbegriff für Beschwerden in Händen und Armen.
  • Sie äußern sich in Taubheitsgefühlen, Schmerzen und Missempfindungen.
  • Auch die Sehnenentzündung oder der Tennisellbogen kann dazu gehören.
  • Ursache sind schnelle, kurze und täglich zig-tausendfach wiederholte Bewegungen.
  • Als verstärkende Faktoren gelten u. a. ungünstige Sitzhaltungen und Stress.
  • Besonders an Bildschirmarbeitsplätzen sind RSI-Beschwerden und Gesundheitsstörungen weit verbreitet.

Schmerzen in Hand und Arm häufiger

Rein statistisch sind die als RSI bezeichneten Schmerzzustände noch nicht sehr häufig, die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin allerdings stellte 2006 einen Anstieg fest. Hintergrund ist die steigende Arbeitszeit bei Beschäftigten an Bildschirmgeräten. 21 % berichteten in einer Befragung, im vorausgegangenen Jahr unter Schmerzen in der Hand und 15 % Schmerzen im Unterarm gelitten zu haben; aktuell allerdings gaben nur 4,5 % der befragten Beschwerden an. Schulter- und Nackenschmerzen sind deutlich häufiger verbreitet, hier gaben 37,6 % Schulter- und 54,8 % Nackenschmerzen an. Diejenigen, die über sechs Stunden täglich mit der Tastatur arbeiten, haben das größte Risiko, hier haben 25 % Beschwerden an der Hand.

Was ist RSI?

RSI ist die Abkürzung für „Repetitive Strain Injury“ (engl. repetitive = sich wiederholend, strain = Anspannung, Belastung, Dehnung; injury = Beschädigung). Damit wird beschrieben, dass Muskeln durch oft und schnell sich wiederholende, ohne viel Kraftaufwand ausgeführte Bewegungen (typisch für die Arbeit mit Tastatur und Maus) dauerhaft geschädigt werden können.

RSI-Symptome und Krankheiten

Folgende Empfindungs- und Gesundheitsstörungen stehen im Verdacht, durch zig-tausendfache Wiederholungen (Repetitionen) derselben Bewegung auslösbar zu sein und sich langfristig zu einem RSI-Syndrom zu entwickeln:

    • Kraftverlust
    • Sensibilitätsverlust
    • Mißempfindungen
    • Bewegungs- und Ruheschmerzen
    • Myalgie = Muskelschmerzen
    • Ganglion Zysten = "Überbein"
    • Tendinitis = Sehnenentzündung
    • Tenosynovitis = Sehnenscheidenentzündung
    • Epikondylitis = "Tennisellbogen"; "Golferellbogen"
    • Karpal-Tunnel-, Schulter-Arm- und Cervico-brachial-Syndrom
    • myofasziales Schmerz- Syndrom, Periositis, Tendomyopathie u. v. a.

 

Bild: Der menschliche Arm und die Stellen, an denen Schmerzen bei RSI auftreten (Quelle: London Hazards centre "VDU Hazards Handbook", May 1987)

RSI-Syndrom   

Bei RSI-Symptomen handelt es sich nicht um einfache, noch heilbare Verletzungen. Es ist bereits von Gewebsänderungen und Vernarbungen nach häufigen kleinsten Verletzungen auszugehen, die sich auf kompliziertem Wege in wahrnehmbaren Symptomen ausdrücken.

Verschiedene RSI-Symptome führen unter langjährigen repetitiven Bewegungsbedingungen am Arbeitsplatz zu einem RSI-Syndrom, wenn die Bewegungsstörungen allein auf die beruflich besonders beanspruchten Bewegungsorgane beschränkt sind und keine belegbaren Alternativdiagnosen möglich sind. Während die einzelnen Symptome fast täglich Ort und Ausprägung wechseln können, verschlimmern sie sich in der Regel abrupt, schon wenige Minuten nach Wiederaufnahme der repetitiven Tätigkeit.

Objektive organische Krankheitszeichen sind zur Zeit selten aufzuzeigen, wenn wie üblich auf histologische Gewebsuntersuchungen verzichtet werden muss. Auch moderne bildgebende Verfahren wie Computertomographie geben selten Aufschluss über einen eng umgrenzten Schmerzherd, zumal sie fast ausschließlich im Ruhezustand durchgeführt werden müssen.

Die Bestimmung eines RSI-Syndroms als Diagnose aus einem arbeitswissenschaftlichen Zusammenhang heraus erfolgt aufgrund der daraus abzuleitenden spezifischen Behandlungs- und Präventionsmaßnahmen. Für arbeits- und versorgungsrechtliche Konsequenzen reichen die zur Zeit zur Verfügung stehenden diagnostischen Möglichkeiten häufig nicht aus. Sehr sorgfältige arbeitsplatzanalytische Beobachtungen und solche, die der genauen Erfassung der Schmerzempfindlichkeit dienen, sind notwendig, um die juristisch erforderlichen Belege zu erbringen. In der Gutachtenpraxis wird dagegen selten über pauschale Belastungsannahmen hinausgegangen und zugunsten einer oft laienhaft anmutenden, psychologisierenden Sichtweise formuliert.

Direkte mechanische Belastung

Gelenke, Sehnen und Muskeln können durch schnelle, kurze und täglich zig-tausendfach wiederholte Bewegungen so geschädigt werden, dass sie sich in nächtlichen Erholungsphasen nur unzureichend erholen. Die am nächsten Tag noch nicht vollständig reparierten Schäden summieren sich bei weiterer Bildschirmarbeit und im Verlauf eines mehrjährigen Berufslebens zu Schmerzen und Funktionseinschränkungen. Geschädigte und verkürzte Muskeln vermitteln Schmerzempfindungen auch von anderen Stellen als dem "Verletzungsort" (übertragener Schmerz) und veranlassen das Nervensystem dazu, größerer Muskelstränge abzuschalten, um die sich reparierende Muskulatur vor weiteren Verletzungen zu schützen. Kraftverlust und Lähmung sind die Folge. Darüber hinaus können aufgrund der primären Schädigung sekundäre, auch vom vegetativen Nervensystem (sympathicus) erzeugte Symptome (Schwellungen, Entzündungen) entstehen, die den Grundschaden subjektiv und objektiv überlagern.

Entstehungsprinzipien

Neben der direkten mechanischen Belastung durch Bewegungswiederholung sind für vorbeugende und heilende Maßnahmen noch sechs weitere, den Erkrankungsprozess verstärkende Mechanismen zu berücksichtigen.

Verstärkende Mechanismen

Körperhaltung
  • Starre, ungünstige Sitzhaltungen und unergonomische Bewegungsmuster (Abknicken der Gelenke) führen zu verminderter Durchblutung der Muskulatur bzw. erhöhen die mechanische Reibung in Sehnenscheiden und Gelenken. Beides begünstigt kleinste Schäden an Muskeln und Sehnen.
Stress
  • Stressige Bildschirmarbeit erfordert - häufig unbemerkt - eine hohe geistige Anspannung. Diese breitet sich auch auf Nacken-, Rücken- und Armmuskeln aus und hemmt zudem den Ablauf hochautomatisierter Bewegungsabläufe. Beides kann ein Gegeneinanderarbeiten (Ko-Kontraktionen) der Fingerbeuge- und Fingerstreckmuskeln im Unterarm bewirken. Vor allem die Fingerstrecker werden beim Tastenanschlag durch die Beugemuskulatur gegen Widerstand gedehnt (exzentrische Kontraktion), was zu kleinsten Verletzungen in einzelnen Muskelfasern führt.
Repetitive Bewegungen
  • Repetitive Bewegungen können eine veränderte Empfindlichkeit der Großhirnrinde hervorrufen, die den koordinierten Bewegungsablauf bei der Tastaturarbeit stören und statt dessen unergonomische Bewegungsmuster und muskelschädigende Ko-Kontraktionen bewirken.
  • Ein wiederholtes zeitliches Zusammentreffen gleichförmiger Bewegungsabläufe mit spezifischen Schmerzempfindungen kann die Funktion bestimmter sensorischer Nervenzellen im oberen Rückenmark ändern. Sie erzeugen auch dann Bewegungsschmerzen, wenn die eigentlich verursachende Verletzung längst abgeheilt ist.
  • Repetitive Kopfbewegungen z. B. beim Ablesen von Vorlagen und ungünstige Armhaltungen (Mausbedienung) können bei konstitutionell besonders veranlagten Menschen Nervenreizungen verursachen, die als Gesundheitsstörungen im Arm/Hand-Bereich empfunden werden, ohne dass in diesem irgendwelche Schädigungen vorliegen müssen (projizierter Schmerz).
Psychophysisches Schmerzsyndrom
  • Bei langdauernden Schmerzen (Chronifizierung) passt sich das individuelle Bewegungs- und Erlebensmuster dem Schmerzzustand soweit an, dass es diesen eher unterstützt als bekämpft. Schon- und Schutzbewegungen, Mutlosigkeit bis hin zur Depressivität sowie Ängste vor Verschlimmerung und Berufsunfähigkeit formen ein chronisches psychophysisches Schmerzsyndrom, das körpereigene Gesundungsvorgänge hemmt.

Empfehlungen der Berufsgenossenschaft

In einer 2008 veröffentlichten Studie zur Ergonomie von Tastaturen, Mäusen, Computerstift, Trackball und Armauflagen wurde zur Vermeidung von Beschwerden bei der Benutzung dieser Eingabemittel auf die Bedeutung von neutraler Körperhaltung und möglichst geringer Muskelaktivität verwiesen. Die kann durch ergonomische Tastaturen, ergonomisch geformte Mäuse, Nutzung der Maus innerhalb der Schulterbreite  und Auflage der Unterarme unterstützt werden. Trackball oder Stift mit Tablett werden als sinnvolle Alternative genannt. Als neue Erkenntnis wurde auf die positiv entlastende Wirkung einer negativ nach vorne geneigten Tastatur verwiesen. (BGIA 2008)

Den G37 nutzen

Wenig bekannt dürfte sein, dass die Vorsorgeuntersuchung Augen nach dem berufsgenossenschaftlichen Grundsatz G37 auch die Beschwerden des Stütz- und Bewegungsapparats und Erkrankungen und Beschwerden des Nervensystems ermitteln muss und wenn nötig Ergänzungsuntersuchungen veranlassen soll. Arbeitnehmer können eine solche Vorsorgeuntersuchung bei Beschwerden verlangen, im Sinne einer vorzeitigen Nachuntersuchung.

Keine Aussicht auf Berufskrankheit? 

Die Anerkennung als Berfuskrankheit setzt einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und Erkrankung voraus, dies wird allerdings von der zuständigen Verwaltungs-Berufsgenossenschaft bei RSI und Bildschirmarbeit als nicht belegt angesehen. Vielmehr wird hier hier auf psycho-soziale Faktoren als Ursachen verwiesen.

Haben bisher Gerichte die Anerkennung von RSI als Berufskrankheit abgelehnt, gibt ein neues Urteil des Verwaltungsgerichts Göttingen Hoffnung: „Sehnenscheidenentzündungen der rechten Hand infolge langjähriger Arbeit an Tastatur und Maus können eine ‚dienstunfallrechtliche‘ Berufskrankheit sein.” Das Urteil nach dem Beamtenrecht kann Wirkungen auf künftige Entscheidungen haben.

 

 

Der Servicebereich

Weiterlesen im WWW zu RSI

 
Die RSI - Seiten von Prof. Dr. Sorgatz, Technische Universität Darmstadt: www.rsi-online.de
 
Informationsseiten mit Hinweisen zu Fachhändlern ergonomischer Produkte: www.rsi-syndrom.eu/
 
Weitere Informationen auch unter: www.wdr.de Service/Gesundheit
 
Ein Betroffener berichtet unter: www.repetitive-strain-injury.de
 
Gesetze und Verordnungen
  • Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) § 1,2 und 4 
Staatliches Merkblatt Berufskrankheit
  • Berufskrankheit Nr. 2101 "Erkrankungen der Sehnenscheiden oder der Sehnengleitgeweges sowie der Sehen- und Muskelansätze, die zur Unterlassung aller Tätigkeiten gezwungen haben, die für die Entstehung, die Verschlimmerung oder das Wiederaufleben ursächlich waren oder sein können.
    verfügbar und www.baua.de


Rechtssprechung
  • VG Göttingen 2006
    In 2006 wurde zum erstenmal eine Berufskrankheit wegen Sehnenscheidentzündung bei Bildschirmarbeit anerkannt: Verwaltungsgericht Göttingen Urteil vom 22.08.2006:  AZ 3 A 38/05  

  • VG Aachen 2011
    Anerkennung von Sehenscheidenentzündung als Berufskrankheit bei einer Finanzbeamtin, die 90 % der Arbeitszeit am PC tätig war.
    Urteil Verwaltungsgericht Aachen vom 14.4.2011  AZ 1K 1203/9

Literatur

Zum Einlesen: 

Clemens Conrad:
RSI-Syndrom, Mausarm, Tennisarm.
Münster 2009 (Verlag Monsenstein und Vannerdat), siehe auch www.repetitive-strain-injury.de

Manuell Kiper:
Schmerzen im Büro durch Mausarm  & Co.
in: Computer und Arbeit 10/2007, AIB-Verlag, www.aib-verlag.de  
als  download  verfügbar ( 149 kB)

IG Metall (Hrsg.):
RSI, Mausarm & Co. - Schmerzen an Armen und Händen durch den Job
Gesünder @rbeiten, Tipp 17 September 2002 , download unter www.igmetall.de

Berufsgenossenschaftliche Information BGI 597-16:
Signale des Körpers
Minibroschüre, Reihe Arbeit und Gesundheit, Sicherheit für Sie Nr. 16, hg. v. Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften, Wiesbaden (Universum Verlagsanstalt) 2001

undefinedZum Vertiefen:

Institut für Arbeitsschutz der Deutschen gesetzlichen Unfallversicherung BGIA (Hrsg.):
Ergonomische Anforderungen an Eingabemittel für Geräte der Informationstechnik.
BGIA-Report 3/2008, Sankt Augustin 2008, download unter www.dguv.de  (Hier geht es nicht um RSI sondern ausführlich um arbeitswiss. Erkenntnisse zu Eingabemitteln.)

Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften/Institut für Arbeitsschutz BGIA (Hrsg.):
Muskel-Skelett-Erkrankungen der oberen Extremität und berufliche Tätigkeit. Entwicklung eines Systems zur Erfassung und arbeitsmedizinischen Bewertung von komplexen Bewegungen der oberen Extremität bei beruflichen Tätigkeiten.
BGIA-Report 2/2007 (arbeitsmedizinische Vertiefung, nicht nur für RSI), download unter: www.dguv.de 

Hj. Gebhardt, A. Klußmann, P. Dolfen, M. A. Rieger, F. Liebers, B. H. Müller:
Beschwerden und Erkrankungen der oberen Extremitäten an Bildschirmarbeitsplätzen
hg. von Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Forschungsbericht Fb 1082, Bremerhaven (Wirtschaftsverlag NW Verlag für neue Wissenschaft GmbH) 1. Auflage 2006

Hardo Sorgatz: 
"Repetitive Strain Injuries" – Unterarm-/Handbeschwerden aufgrund repetitiver Belastungsreaktionen des Gewebes,
in: Orthopäde 2002, S. 1006 – 1014. Als pdf-Datei zum download unter www.rsi-online.de 

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Letzte Änderung: 8.9.2008

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Literaturtipps
  • Clemens Conrad: RSI-Syndrom, Mausarm, Tennisarm
    mehr
    
    
  • Manuell Kiper:
    Schmerzen im Büro durch Mausarm & Co. 
    mehr

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