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Arbeit im Büro gesund gestalten

Grundwissen
Arbeitsbedingte Erkrankungen

Autor: Ulla Wittig-Goetz, Regine Rundnagel

Übersicht

  • Arbeitsbedingte Erkrankungen werden durch Arbeitsbedingungen verursacht oder mitverursacht.
  • Über Unfälle und Berufskrankheiten hinaus wird damit ein breites Feld der Einwirkungen von Arbeit auf Gesundheitsstörungen und Krankheiten bezeichnet.
  • Unfallversicherungsträger und Krankenkassen sind vom Gesetzgeber beauftragt, arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren in Betrieben zu verhüten.
  • Der Wandel der Arbeit führt zu neuen Belastungen und Gefährdungen.
  • Das Erkrankungsspektrum hat sich in den letzten Jahren verändert, psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch.
  • Für die Durchführung von präventiven Maßnahmen im Unternehmen ist der Arbeitgeber verantwortlich.
  • Beschäftigte haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein Stück Eigenverantwortung für die Sorge um Ihre Gesundheit bei der Arbeit.

 Auftrag zur Prävention arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren

Um die Verhütung von Unfällen und Berufskrankheiten kümmern sich Staat und Unfallversicherungsträger seit vielen Jahrzehnten. Gesetze, Richtlinien und Unfallverhütungsvorschriften,  die Beratung von Unternehmen sowie die Entschädigung von Arbeitnehmern bei Unfällen und Berufskrankheiten gehören dazu. Seit 1996 haben Berufsgenossenschaften und Unfallkassen vom Gesetzgeber den zusätzlichen Auftrag erhalten, auch arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren zu verhüten.

Die gesetzlichen Krankenkassen haben durch die Betriebliche Gesundheitsforderung die Aufgabe an der Verhütung gesundheitlicher Risiken in Betrieben mitzuwirken. Krankenkassen und die gesetzlichen Unfallversicherung sollen dabei zusammenarbeiten. Dahinter steckt die neue Philosophie des Arbeitsschutzgesetzes: Prävention hat Priorität.

Alle Einwirkungen am Arbeitsplatz

Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren umfassen alle Einwirkungen am Arbeitsplatz. Man versteht darunter Gesundheitsstörungen, die ganz oder teilweise durch Arbeitsumstände verursacht werden und eine enge Beziehung zu Belastungen und Beanspruchungen am Arbeitsplatz haben. Arbeitsbedingte Erkrankungen sind durch Arbeitsbedingungen hervorgerufen oder mitverursacht. Es können auch Erkrankungen sein, die sich durch Arbeitsbedingungen verschlimmern.

Oft sind sie nicht durch eine einzige Ursachen sondern mehrere Faktoren bedingt. Es gibt nicht nur „spezifische“ arbeitsbedingte Erkrankungen, es können grundsätzlich alle Erkrankungen und Gesundheitsstörungen einen arbeitsbedingten Ursachenzusammenhang haben.

Strenge versicherungsrechtlichen Anforderungen an nachweisliche Zusammenhänge wie bei Berufskrankheiten oder Unfällen gibt es hier nicht.

„ Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren sind Zustände, Ereignisse und Einwirkungen bei der Arbeit und /oder in der Arbeitswelt, die Gesundheitsstörungen nachvollziehbar verursachen, begünstigen  oder die Gesundheit in sonstiger  Weise nachhaltig beeinflussen können.“ (Berufsgenossenschaftliche Information BGI 5009)

Belastungsseite (Ursachen): Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren 

 

Beanspruchungsseite (Folgen):
1. Befindlichkeitsstörungen
2. Arbeitsbedingte Erkrankungen
3. Berufskrankheiten
4. gesundheitliche Unfallfolgen               


Rechtsgrundlagen

Unternehmen haben einen umfassenden Präventionsauftrag

Zum ersten Mal wurde der Begriff der arbeitsbedingten Erkrankungen im Arbeitssicherheitsgesetz von 1973 genannt. Damit wird die präventivmedizinische Aufgabe der Arbeitsmediziner festgeschrieben.

„Die Betriebsärzte haben die Aufgabe, den Arbeitgeber beim Arbeitsschutz und bei der Unfallverhütung in allen Fragen des Gesundheitsschutzes zu unterstützen. Sie haben insbesondere den Arbeitgeber und die sonst für den Arbeitsschutz und die Unfallverhütung verantwortlichen Personen zu beraten, insbesondere  …
die Durchführung des Arbeitsschutzes und der Unfallverhütung zu beobachten und im Zusammenhang damit … Ursachen von arbeitsbedingten Erkrankungen zu untersuchen, die Untersuchungsergebnisse zu erfassen und auszuwerten und dem Arbeitgeber Maßnahmen zur Verhütung dieser Erkrankungen vorzuschlagen.“  ( ASiG § 3)

Verankert ist der Präventionsauftrag für die Unternehmen im Arbeitsschutzgesetz und damit erhielten die Unternehmen einen klaren Präventionsauftrag hinsichtlich arbeitsbedingter Gesundheitsrisiken.

"Dieses Gesetz dient dazu, Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten bei der Arbeit durch Maßnahmen des Arbeitsschutzes zu sichern und zu verbessern. ...
Maßnahmen des Arbeitsschutzes im Sinne dieses Gesetzes sind Maßnahmen zur Verhütung von Unfällen bei der Arbeit und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren einschließlich Maßnahmen der menschengerechten Gestaltung der Arbeit. ...
Der Arbeitgeber ist verpflichtet, die erforderlichen Maßnahmen des Arbeitsschutzes unter Berücksichtigung der Umstände zu treffen, die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten bei der Arbeit beeinflussen. Er hat die Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen und erforderlichenfalls sich ändernden Gegebenheiten anzupassen. Dabei hat er eine Verbesserung von Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten anzustreben."  (§§ 1,2,3 ArbschG) 

Unfallversicherungsträger und Krankenkassen

Für die Krankenkassen ist Prävention im Sozialbesetzbuch SGB V  „Gesetzliche Krankenversicherung“ und für die Unfallversicherungsträger im Sozialgesetzbuch SGB VII „Gesetzliche Unfallversicherung“. "

"Aufgabe der Unfallversicherung ist es, … mit allen geeigneten Mitteln Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten sowie arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren zu verhüten … . ( § 1 SGV VII)
… Sie sollen dabei auch den Ursachen von arbeitsbedingten Gefahren für Leben und Gesundheit nachgehen. Bei der Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren arbeiten die Unfallversicherungsträger mit den Krankenkassen zusammen." (§ 14 SGV VII)

 

 „Die Krankenkassen erbringen Leistungen zur Gesundheitsförderung in Betrieben (betriebliche Gesundheitsförderung), um unter Beteiligung der Versicherten und der Verantwortlichen für den Betrieb die gesundheitliche Situation einschließlich ihrer Risiken und Potenziale zu erheben und Vorschläge zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation sowie zur Stärkung der gesundheitlichen Ressourcen und Fähigkeiten zu entwickeln und deren Umsetzung zu unterstützen.“   (SGB VII § 20a )


Krankenkassen und Berufsgenossenschaften haben sich zur Zusammenarbeit verpflichtet. Die Kooperation der KRankenkassen ist § 20b des SGB V festgelegt. Im Kooperationsabkommen zwischen Krankenkassen und Berufsgenossenschaften zur Zusammenarbeit bei der Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren, ist die gemeinsame Strategien festgelegt und sie soll dabei an Erfahrungen aus der betrieblichen Gesundheitsförderung anknüpfen. Von den Spitzenverbänden der Krankenkassen wurde ein Leitfaden entwickelt, der Richtlinien für die Umsetzung enthält. 

In der vom BKK Bundesverband, der  Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung DGUV, dem  AOK- Bundesverband und dem Verband der Ersatzkassen e.V. (vdek) getragene  Initiative Gesundheit und Arbeit (iga) kooperieren gesetzliche Kranken- und Unfallversicherung, um gemeinsam arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren durch Arbeitsschutz und betriebliche Gesundheitsförderung vorzubeugen. Forschung, Beratung und Vernetzung findet hierüber statt. 

Belastungsspektrum wandelt sich 

Technischer Fortschritt erleichtert körperliche Arbeit

Der technische Fortschritt hat in vielen Arbeitsbereichen mit dazu beigetragen, dass sich Arbeitsbedingungen verbessert haben. Körperliche Belastungen haben abgenommen, überall dort wo Technik den menschlichen Krafteinsatz ersetzen konnte oder die Arbeitsaufgaben erleichtert.

Strukturwandel bringt neue Anforderungen

Berufe und auch Branchen haben sich verändert. Die Industriegesellschaft der 60ziger Jahre hat sich in den 80ziger und 90ziger Jahren in eine Dienstleistungsgesellschaft gewandelt mit immer mehr Beschäftigung in unternehmens- und personenbezogenen Dienstleistungstätigkeiten. Heute spricht man von Wissensarbeit und bezeichnet damit die vielfältigen Berufe die Informationen er- und verarbeiten.

Branchen haben sich verändert, neue Tätigkeiten sind entstanden, neue Formen der Arbeitsorganisation und Führung, Betriebsgrößen sind durch Outsourcing und Umstrukturierungen kleiner geworden.

Körperliche Gefährdungen noch verbreitet

Eine automatische Abnahme der Gesundheitsgefährdung bei der Arbeit hat sich mit diesem Wandel allerdings nicht ergeben. Immer noch gibt es die klassischen Gefährdungen z. B. durch schwere körperliche Arbeit, durch Gefahrstoffe, durch Lärm, durch Dauerstehen,  Dauersitzen oder Hitze und Kälte. Ausgedehnt haben sich körperliche Gefährdungen in Bereichen wie z.B. durch die Zunahme des Warenverkehrs oder im Bereich der Gesundheits- und Sozialwirtschaft durch mehr gesellschaftliche Nachfrage an Pflege oder Betreuung.

Beschleunigung und Kostendruck verdichten die Arbeit

Internet und Email und steigende Renditevorgaben haben Auswirkungen auf jeden Arbeitsplatz. Angestiegen sind  aus diesen Gründen psychische Belastungen, also Zeitdruck, Arbeitsverdichtung, ausufernde Arbeitszeiten, Konflikte und Mobbing im Team.

Permanente Restrukturierung bringt soziale Unsicherheit

Umstrukturierungen, Outsourcing, Unternehmensverkauf und Standortoptimierungen haben im letzten Jahrzehnt ein Ausmaß und eine Beschleunigung angenommen, die über das Normale hinausgeht. Produktionsverlagerungen, permanente Restrukturierungen und Personalabbau führten häufig zu einer enormen Intensivierung der Arbeit und höheren Leistungsvorgaben. Soziale Unsicherheit und Ängste vor Arbeitslosigkeit haben zugenommen.

Der Anstieg der psychischen Belastungen bedingt durch die Restrukturierungstendenzen der Unternehmen mit den Folgen erhöhter Erkrankungen und steigender Arbeitsunfälle wurde bereits europaweit im Hires-Projekt nachgewiesen.

Der Wandel der Arbeit hat Folgen

Der Wandel der Arbeit mit seinen veränderten Arbeitsanforderungen und einem veränderten Belastungsspektrum hat deutlich nachweisbare Folgen. 

Daten der Krankenkassen

Informationen zu arbeitsbedingten Erkrankungen finden sich in den Statistiken der gesetzlichen Krankenkassen. Danach entfallen sich rund 70 Prozent der krankheitsbedingten Fehlzeiten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf fünf Krankheitsgruppen:
  
1. Muskel- und Skeletterkrankungen
2. Verletzungen
3. Atemwegserkrankungen
4. Psychische Erkrankungen
5. Herz-/Kreislauferkrankungen

Bild 1 und 2: AU-Tage der Pflichtversicherten nach Krankheitsgruppen. (Quelle: Bundesverband der Betriebskrankenkassen BKK 2010 und Deutsche Angestellten-Krankenkasse DAK 2013)


Im Durchschnitt aller beschäftigten Pflichtmitglieder betragen die Arbeitsunfähigkeitstage 2009 im Bereich der BKK 14,4 Tage. Der Anteil derjenigen Erwerbstätigen, die keine Arbeitsunfähigkeitstage im Jahr haben, liegt bei knapp unter 50 %. Das Ausmaß der Arbeitsunfähigkeitstage wird vor allem von Langzeiterkrankungen über 6 Wochen bestimmt, sie machen ca. 40 % der Gesamttage aus.

Zu beachten ist, dass den Krankenkassenstatistiken nur die Daten der Krankschreibung, also Arbeitsunfähigkeits-Tage über 3 Tagen Dauer zugrunde liegen. Die Ursachen und Zusammenhänge zu den Arbeitsbedingungen werden in arbeits- und gesundheitswissenschaftlichen Forschungen herausgearbeitet.

Berufe, Alter, Geschlecht und auch die Betriebsgröße haben einen großen Einfluss auf die Krankenstände. In sehr kleinen Betrieben und in solchen mit über 1000 Beschäftigte sind sie laut AOK-Fehlzeitenreport 2011 am geringsten.

Während in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts neben den Muskel-Skelett-Erkrankungen auch die Atemwegs-, Herzkreislauf- und Verdauungs-Erkrankungen eine bedeutende Rolle im Gesamtspektrum der Krankheitsarten spielten, sind es heute die Rückenerkrankungen, die Atemwegserkrankungen und die psychischen Erkrankungen.

 
Bild 3: Verlauf der durchschnittlichen AU-Tage nach Krankheitsarten von BKK-Pflichtmitgliedern inklusive Arbeitslosen 1976-2012. (Quelle: BKK Gesundheitsreport 2013)
Rückenerkrankungen in allen Branchen an erster Stelle

Unabhängig von der Berufsgruppe stehen die Muskel- und Skeletterkrankungen an erster Stelle der Krankheitsarten. Das gilt auch für alle Angestellte und Berufe die im Büro ausgeübt werden, wie die DAK-Statistik zeigt. In Angestelltenberufen bestehen zwar keine schweren körperlichen Anforderungen, es sind allerdings auch Berufe, die unter Bewegungsmangel und einseitiger Haltung, wie Dauersitzen, sowie Anspannung  leiden. 

Die Muskel-Skelett-Erkrankungen MSE stehen nicht nur an erster Stelle, sie haben auch den herausragend größten Anteil an den Erkrankungsarten erlangt, bei der BKK sind es ein Viertel und bei der DAK ein Fünftel – und das trotz des Rückgangs der körperlichen Arbeit in der Gesellschaft.

Psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch

Psychische Erkrankungen sind die einzige Erkrankungsart, die in den letzten Jahrzehnten absolut und anteilsmäßig zugenommen hat, alle andere Erkrankungen außer Msukel-Skelett-Erkrankungen nahmen anteilsmäßig ab. Nach den Daten der gesetzlichen Krankenkassen haben in den letzten Jahren die psychischen Erkrankungen enorm zugenommen. Die AOK berichtet von einer Zunahme der durch psychische Störungen bedingter Krankheitsfälle um 100 Prozent in den Jahren 1994 bis 2012, in anderen Krankenkassen liegen die Werte noch höher. Bei der DAK steht diese Gruppe mittlerweile an zweiter Stelle. Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer - zu bedenken ist dabei unter anderem, dass sie andere Berufe ausüben. Zum Ansteig der psychischen Erkrankungen schreibt die AOK in ihrem Fehlzeitenreport 2012:

"Dazu trägt auch die immer flexibler werdende Arbeitswelt bei: Jederzeit und überall arbeiten zu können, bietet zwar die Chance, selbst bestimmt zu arbeiten und die Anforderungen von Beruf und Privatleben besser aufeinander abstimmen zu können. Doch birgt zu viel berufliche Flexibilität auch das Risiko einer enormen psychischen Belastung und Überforderung der Mitarbeiter."

Arbeitsbedingte Anteile der Arbeitsunfähigkeit

Experten gehen davon aus, dass ca. 30 % des Erkrankungsgeschehens arbeitsbedingt ist. Der Anteil hängt deutlich vom Geschlecht und der Erkrankungsart ab. So berichtet die Studie des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen zu den Kosten arbeitsbedingter Erkrankungen aus dem Jahr 2008, dass der arbeitsbedingte Anteil bei den Muskel-Skelett-Erkrankungen bei Männern bei 45 % liegt, bei Frauen dagegen nur bei 30 %. Bei den psychischen Erkrankungen/Verhaltensstörungen wird der arbeitsbedingte Anteil bei Männern mit 43 % angegeben und bei den Frauen mit 25 %.

Deutlich wird in den Forschungen zum Zusammenhang von Erkrankung und arbeitsbedingter Belastung auch, dass nicht nur die Arbeitsschwere sondern gleichzeitig weitere Faktoren, wie z. B. psychischen Fehlbelastungen durch geringen Handlungsspielraum am Erkrankungsrisiko mitwirken.

Anteil der arbeitsbedingten Risiken bei Muskel-Skelett-Erkrankungen bei Männern (BKK 2008)

  • Faktor Arbeitsschwere gesamt 45 %
  • Faktor geringer Handlungsspielraum 21 %

Kosten arbeitsbedingter Erkrankungen

Verschiedene Forschungsprojekte haben die Kosten arbeitsbedingter Erkrankungen für die Volkswirtschaft berechnen. Grundlage ist dabei die Stärke des Zusammenhangs zwischen dem Auftreten einer Belastung und  einer Erkrankung. Der Anteil der Erwerbstätigen, die diesem Belastungsfaktor ausgesetzt sind und die direkten Kosten für die  Krankenkassen (Behandlungskosten) sowie die indirekten Kosten für die Gesellschaft (Kosten der ausgefallenen Erwerbsjahre und damit Produktivitätsausfall durch die Arbeitsunfähigkeit) gehen in solche Berechnungen ein.

Die direkten und indirekten Kosten für arbeitsbedingte Erkrankungen werden laut der Studie des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen BKK aus dem Jahr 2008 auf jährlich 33 Mrd EUR geschätzt. An erster Stelle der Folgekosten stehen die MSE (Muskel-Skelett), an zweiter Stelle die psychischen Erkrankungen, beide mit längeren Erkrankungszeiten durch Chronifizierung. Die indirekten Kosten der arbeitsbedingten Erkrankungen durch den Verlust an Erwerbsjahren und Produktionsausfall betragen laut dieser Studie 15,7 Mrd. EUR.

Bild 4: Indirekte Kosten arbeitsbedingter Erkrankung und Frühverrentung – verlorene Erwerbszeiten und Produktionsausfälle. (Quelle: BKK: Kosten arbeitsbedingter Erkrankungen und Frühberentung in Deutschland 2008)

Berufliche Risiken

Bezogen auf die Berufe lassen sich unterschiedlich hohe und niedrige Risiken für Erkrankungen nachweisen, ein deutlicher Hinweis auf die Wirkung der Arbeitsbedingungen. So liegen die Krankenstände bei Arbeitern sehr viel höher als bei Angestellten oder freiwillig Versicherten.

Höchste Risiken (die meisten AU-Tage) haben:

  • gesamt:  Straßenreiniger, Abfallbeseitiger, Gleisbauer sowie Helfer/-innen in der Krankenpflege
  • Erkrankungen MSE : Straßenreinigung, Abfallbeseitigung, Bauberufe
  • Psychische Erkrankungen: Telefonistinnen (Call Center) und  Berufe der Krankenpflege
  • Atemwegserkrankungen: Telefonistinnen, Abfallbeseitiger und Eisenbahnschaffner
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Kraftfahrzeugführer und Kranführer

Geringste Risiken (die geringste Anzahl an AU-Tagen) haben:

  • Gesamt: Hochschullehrer, Sozialwissenschaftler und Rechtsvertreter/Wirtschaftsberater

Arbeitsschutzinstitutionen und Betriebe sind gefordert

Anders als bei Unfällen und Berufskrankheiten werden arbeitsbedingte Erkrankungen nicht von der Berufsgenossenschaft entschädigt. Damit arbeitsbedingte Erkrankungen erst gar nicht entstehen, ist die Kooperation der überbetrieblichen und innerbetrieblichen Akteure und Verantwortlichen gefordert.

Wer ist angesprochen?
  1. Die Arbeitgeber nach den Anforderungen des Arbeitsschutzgesetzes und des SGB VII.
  2. Die zuständigen Behörden beim Vollzug des Arbeitsschutzgesetzes .
  3. Die gesetzlichen Unfallversicherungen nach dem SGB VII.
  4. Die gesetzlichen Krankenversicherungen nach dem SGB V.
Wer ist im Betrieb beteiligt?
  1. Der Arbeitgeber ist verantwortlich. Er muss Gefährdungen ermitteln und Maßnahmen zur Vermeidung oder Minderung durchführen (ArbSchG).
  2. Fachkräfte für Arbeitssicherheit beraten den Arbeitgeber und arbeiten mit dem Betriebsrat und Personalrat zusammen (ASiG).
  3. Betriebsärzte ermitteln arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren und beraten den Arbeitgeber und arbeiten mit dem Betriebsrat zusammen (ASiG).
  4. Sicherheitsbeauftragte machen auf Gefahren aufmerksam (SGB V).
  5. Beschäftigte haben Eigenverantwortung im Rahmen ihrer Unterweisung und Möglichkeiten. (ArbschG , SGB V , SGB VII)

Die Grundlage dafür liefert die im Arbeitsschutzgesetz § 5 Abs. 1 vorgesehene Gefährdungsbeurteilung.

Ansatzfelder im Betrieb

Es empfiehlt sich betrieblicherseits, die Vorstellungen und Unterstützungsangebote von Krankenkassen, Berufsgenossenschaften und zuständigen Behörden zur Prävention arbeitsbedingter Erkrankungen und der betrieblichen Gesundheitsförderung abzufragen.

  • Betriebliche Analyse der AU-Tage nach Tätigkeiten (gruppenbezogen, anonym)
  • Gesundheitsbericht der Krankenkassen zu den AU-Tagen der Versicherten eines Betriebes nach Krankheitsarten  (anonym, sinnvoll wenn überwiegend eine Krankenkassen aktiv ist – z.B. Betriebskrankenkassen)
  • Bericht des Betriebsarztes (Trend, Auffälligkeiten, anonym)
  • Befragung der Mitarbeiter zu Gesundheitsbeschwerden im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung oder des Gesundheitsmanagements (anonym)

Nicht nur für die Personalabteilung sondern auch für die Interessenvertretungen sind anonyme betriebliche Auswertungen von Krankendaten eine Arbeitsgrundlage mit dem Ziel der Verbesserung der Prävention.

Gesundheitsdaten von Beschäftigten unterliegen strengen Anforderungen des Datenschutzes.   
  
 

Der Servicebereich

Rechtsquellen und Normen

Gesetze und Verordnungen
  • Grundgesetz Artikel Art 2: Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit
  • Arbeitschutzgesetz §§ 1, 2, 3 und 15, 16 
  • SGB VII "Gesetzliche Unfallversicherung"
  • SGB V "Gesetzliche Krankenversicherung"

Literatur

Zum Einlesen:

Badura, Bernhard:
Betriebliche Gesundheitspolitik: Der Weg zur gesunden Organisation.
Berlin/Heidelberg (Springer) 2. vollständig überarb. Aufl.  2010

Zum Vertiefen:

Gesundheitsberichterstattung des Bundes: www.gbe-bund.de

Badura/Ducki/Schröder/Klose/Macco (Hrsg.):
Fehlzeiten-Report 2011: Führung und Gesundheit
Berlin, Heidelberg (Springer-Verlag) 2011

Kieselbach, T.:
Gesundheit in der Unternehmensumstrukturierung: Politikempfehlungen der EU-Expertengruppe HIRES.
in: Jahrbuch Gute Arbeit: Folgen der Krise - Arbeitsintensivierung - Restrukturierung
hg. von Lothar Schröder / Hans-Jürgen Urban, Frankfurt (Bund Verlag) 2011

Kieselbach, Thomas / Triomphe, Claude E. u.a.:
Health in Restructuring (HIRES). Recommendations, National Responses and Policy Issues in the EU.
München (Hampp 2010) 

BKK Bundesverband (Hrsg.):
BKK Gesundheitsreport 2010. Gesundheit in einer älter werdenden Gesellschaft.
Essen 2010

Bundesministerium für Arbeit und Soziales/Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Hrsg.):
Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit 2009. Unfallverhütungsbericht Arbeit.
Dortmund Dezember 2010

Prof. Dr. Siegrist:
Wann ist Arbeit gesund, wann macht Arbeit krank?
Vortrag auf der Fachveranstaltung GDA Hessen: zukunftsfähige Arbeit gesund gestalten. Wiesbaden 4.2.2009
verfügbar als download (557 kB)

Bundesverband der Betriebskrankenkassen BKK (Hrsg.):
Kosten arbeitsbedingter Erkrankungen und Frühberentung in Deutschland.
Essen 2008

Gümbel, Michael / Rundnagel, Regine:
Gesundheit hat ein Geschlecht. Die Bedeutung von Gender Mainstreaming im Arbeits- und Gesundheitsschutz.
in: Arbeitsrecht im Betrieb 9/2004, verfügbar als  download   (202 kB)

European Trade Unio Condederation, Union of Industrial an Employers Confederations of Europe, European Centre of Enterprises with Public Participation and of Enterprises of General Economic Interest:
Rahmenvereinbarung der europäischen Sozialpartner über arbeitsbedingten Stress
2004,  verfügbar als download (14 Kb)

Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Krankenkassen:
Leitfaden Prävention. Gemeinsame und einheitliche Handlungsfelder und Kriterien der Spitzenverbände der Krankenkassen zur Umsetzung von § 20 Abs. 1 und 2 SGB V vom 21. Juni 2000
in der Fassung vom 2. Juni 2008, download unter www.g-k-v.de

Leitfaden für die Zusammenarbeit der gewerblichen Berufsgenossenschaften mit den Krankenkassen bei der Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren 1997
download unter www.dguv.de 

Rahmenvereinbarung der Spitzenverbände der Krankenkassen und der Träger der gesetzlichen Unfallversicherung zur Zusammenarbeit bei der Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren 1997
verfügbar als download  (111 kB) und download unter www.dguv.de

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Letzte Änderung: 8.2.2014

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Rechtsquellen
  • Arbeitsschutzgesetz 


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Literaturtipps
  • Badura, Bernhard:
    Betriebliche Gesundheitspolitik: Der Weg zur gesunden Organisation.
    2010


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