ergo online
Arbeit im Büro gesund gestalten

Expertenwissen
Die systemische Beurteilung von Bildschirmarbeit

Autor: Guido Eisfeller

Übersicht 

  • Die systemische Beurteilung von Bildschirmarbeit wurde im Auftrag der Bundesanstalt für Arbeitsschutz entwickelt.
  • Die ganzheitliche Sichtweise erlaubt es, Ursache-Wirkung-Prinzipien sofort aufzudecken.
  • Gesundheitsgefährdungen können erfaßt und beurteilt, Maßnahmen festgelegt werden.
  • Es werden körperliche und psychische Gefährdungen berücksichtigt.
  • In sieben Teilarbeitssystemen ist die Analyse unterteilt.
  • Gleichartige Arbeitsplätze lassen sich zusammenfassen.

Die gesetzliche Pflicht zur Arbeitsplatzbeurteilung

Gesetzliche Grundlage: Arbeitsschutzgesetz und BildschArbV

Das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) verpflichtet die Arbeitgeber, unter anderem eine Beurteilung der Arbeitsbedingungen durchzuführen. Neben der Arbeitsplatzbeurteilung ist eine Dokumentation der Beurteilungsergebnisse und die Durchführung der notwendigen Maßnahmen, welche die aufgedeckten Arbeitsplatzmängel ausschalten sollen gefordert. Die Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV) konkretisiert die Arbeitsplatzbeurteilung für Bildschirmarbeitsplätze und gibt Schutzziele für die Arbeit an Bildschirmarbeitsplätzen vor. Alle Bildschirmarbeitsplätze müssen den dort genannten Mindestanforderungen genügen. Konkretisiert werden sie durch Informationen der Unfallversicherungsträger.

Aufgrund dieser Forderungen wurden schon frühzeitig von verschiedenen Institutionen Beurteilungsinstrumente entwickelt. Im Auftrag der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin wurde von einer Projektgemeinschaft ein systemisches Instrumentarium zur Beurteilung der Arbeit an Bildschirmgeräten erstellt.

Das Arbeitssystem Bildschirmarbeit in der Praxis erprobt

Die Ergebnisse sind in

Hahn, H.; Köchling, A.; Krüger, D.; Lorenz, D.:
Arbeitssystem Bildschirmarbeit, hg. von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Hrsg.), Dortmund, 1995,
Forschungsanwendungsbericht (Fa) Nr. 31

veröffentlicht worden. Das Beurteilungsinstrument wurde in mehreren Projekten bei der DAG und in der Industrie eingesetzt und im Rahmen von Workshops unterschiedlichen Anwendern vorgestellt. Die gewonnenen Erkenntnisse sind in die hier beschriebene Weiterentwicklung der Systemischen Arbeitsplatzbeurteilung eingeflossen.

Wie sieht die systemische Beurteilung von Bildschirmarbeit aus?

Einfach- und Mehrfachbelastungen

Bei der Bildschirmarbeit können viele Beanspruchungen, Einzel- und Mehrfachbelastungen auftreten. Belastungsbedingte Gesundheitsgefährdungen richten sich auf die Augen, den Stütz- und Bewegungsapparat und die Psyche. Bestimmte Belastungen lassen sich aber nicht ohne weiteres einer einzigen Quelle zuordnen, sondern können viele mögliche Ursachen haben.

Durch die ganzheitliche Betrachtungsweise der Arbeit an Bildschirmgeräten werden Ursache-Wirkung-Prinzipien sofort aufgedeckt. Die systemische Beurteilung von Bildschirmarbeit erlaubt es, dem Arbeitgeber neben der Erfassung und Beurteilung von Gesundheitsgefährdungen, auch die Maßnahmen für Sicherheit und Gesundheitsschutz festzulegen.

Ganzheitliches Herangehen

Bei der Durchführung dieser Maßnahmen zeigt sich, daß sie nicht isoliert zu sehen sind, sondern Auswirkungen auf das gesamte System haben. So wirkt sich eine arbeitsorganisatorische Maßnahme wie die Arbeitserweiterung auch auf den Raum- und Flächenbedarf aus, was wiederum zu veränderten Lichtverhältnissen führen kann. Unter diesem Aspekt ist eine systemische Betrachtung der Bildschirmarbeit einleuchtend. Basis der ganzheitlichen Beurteilung und der Gestaltungslösungen sind Gesetze, Verordnungen, Regelwerke, technischen Normen, arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse, Autorenmeinungen und Lösungen aus der Praxis.

Praktische Umsetzung der Arbeitsplatz-Beurteilung

Im Mittelpunkt der Mensch
   
Bei dem gedanklichen Modell der Systemischen Arbeitsplatzbeurteilung (Bild unten) steht im Mittelpunkt des Arbeitssystems der Mensch und seine Tätigkeit, dessen Gesundheit und Leistungsfähigkeit es zu erhalten gilt. Beansprucht wird der Beschäftigte auf drei wesentlichen Gebieten: Augen, Stütz- und Bewegungsapparat (Rücken) und Psyche.

Bild 1: Das Arbeitssystem "Arbeit an Bildschirmgeräten"
Nachschlagen im Wissensspeicher

Beim Arbeitssystem Bildschirmarbeit werden die Anforderungen an den Arbeitgeber mit einbezogen: Analyse und Beurteilung von Gefährdungen und die Festlegung von Arbeitsschutzmaßnahmen.

Im Arbeitssystem Bildschirmarbeit (siehe Forschungsbericht oben) sind alle Gestaltungsmöglichkeiten und -hilfen in einem auf den jeweiligen thematischen Bereich ausgerichteten Wissensspeicher umfassend zusammengestellt und dokumentiert. Der Wissensspeicher hat dabei die Funktion eines komprimierten Nachschlagewerkes; d.h. treten bei der Beurteilung der Arbeitsplätze Unsicherheiten hinsichtlich einer genauen Einschätzung oder Beurteilung eines vorgefundenen Gestaltungszustands auf, können diese mit Hilfe des Wissensspeichers beseitigt werden.

Begehung 

Die eigentliche Arbeitsplatzbeurteilung wird in Form einer Begehung durchgeführt, d.h. der Arbeitsplatz wird vor Ort mit Hilfe der Teilarbeitssystembilder (vgl. Bild unten) auf Mängel untersucht, wobei alle festgestellten Mängel in ein Protokollblatt eingetragen werden. Die Beurteilung der Bildschirmarbeitsplätze erfolgt im Vergleich mit einem Idealzustand, der durch die im Wissensspeicher enthaltenen Gestaltungsregeln festgelegt ist. Bei der Beurteilung werden nun dieser Idealzustand und der vorgefundene Istzustand miteinander verglichen.

Bsp. eines ausgefüllten Protokollblattes


Bild 2: Beispiel eines ausgefüllten Protokollblatts - Teilarbeitssystem Fläche
Protokollieren

Für einen zu analysierenden Arbeitsplatz wird zunächst die Kopfzeile eines jeden Teilarbeitssystems ausgefüllt. Hier kann der Name des Arbeitsplatzinhabers oder auch eine verschlüsselte Zuordnung - die Arbeitsplatzkennung - eingetragen werden. Danach wird der Arbeitsplatz in der Reihenfolge der Teilarbeitssysteme von 1. Fläche bis 7. Mensch-Maschine-Kommunikation beurteilt.

Bild oben zeigt beispielhaft ein ausgefülltes Protokollblatt für Fläche. Begonnen wird mit dem ersten Kriterium: Anzahl Arbeitsplätze im Teilarbeitssystem Fläche. Dort ist zu überprüfen, ob die zur Verfügung stehende Gesamtfläche des Büroraums für den vorgefundenen Arbeitsplatz ausreichend groß ist. Nun werden im Uhrzeigersinn alle Kriterien dieser Gruppe am Arbeitsplatz überprüft. Ist diese Gruppe abgearbeitet, folgen die Kriterien der nächste Gruppe (innerhalb des Teilarbeitssystems Fläche ist dies die Gruppe: 2. Anordnung im Raum) und so weiter, bis das gesamte Teilarbeitssystem abgeschlossen ist, dann wird mit dem nächsten Teilarbeitssystem begonnen.

Treten bei der Beurteilung eines Kriteriums Unsicherheiten auf, z.B. erinnert sich der Beurteiler nicht mehr daran, wie groß die ausreichende Bewegungsfläche am Arbeitsplatz für den Beschäftigten sein soll, schlägt er im Wissensspeicher unter diesem Kriterium nach. Hier erhält er die Information, daß an jedem Arbeitsplatz "eine freie Bewegungsfläche von 1,50 m2 zur Verfügung stehen" muß, die "an keiner Stelle weniger als 1,00 m breit sein" soll. Entspricht diese Vorgabe den Bedingungen am beurteilten Arbeitsplatz, so ist das Kriterium erfüllt. Dieses Kriterium ist somit ohne Beanstandung und kann abgehakt werden.

Dokumentation

Zum Nachweis - auch für die Aufsichtsbehörden - darüber, daß die Arbeitsplätze beurteilt und dabei nichts vergessen wurde, wird die Kugel des Kriteriums, das für in Ordnung befunden wurde mit einem Haken gekennzeichnet. Ist ein Kriterium zu beanstanden, ist in diesem Fall der Buchstabe M (Mangel) einzutragen. Der Mangel ist zusätzlich noch in ein gesondertes Protokollblatt einzutragen. Das Gestaltungsdefizit ist dabei in einem oder mehreren einfachen Sätzen anzugeben. Damit hat der Beurteiler die Möglichkeit, die Bedeutung und Schwere des Mangels im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung des Arbeitsplatzes frei zu formulieren.

Beteiligung der Beschäftigten

In dieser Phase der Arbeitsplatzbeurteilung ist der Beschäftigte mit in die Beurteilung einzubinden. Er sollte zu jedem Teilarbeitssystem hinsichtlich Beschwerden und Verbesserungsvorschlägen befragt werden. Im Anschluß an die Aufzeichnung der Mängel ist es sinnvoll, die zur Beseitigung der vorgefundenen Gestaltungsmängel verantwortlichen Personen sowie einen Termin für die Ausführung der Mängelbeseitigung anzugeben.

Abschluß der Arbeitsplatzbeurteilung

Die Beurteilung des Arbeitsplatzes ist abgeschlossen, wenn zu allen Kriterien in allen Teilarbeitssystemen ein Haken oder ein M mit der entsprechenden Mängeldokumentation vorliegt.

Zusammenfassen von Arbeitsplätzen

Sind bei einer Arbeitsplatzbeurteilung nur wenige Arbeitsplätze zu beurteilen, kann eine Vollerhebung aller Arbeitsplätze in vertretbarem zeitlichen Aufwand durchgeführt werden. Sind jedoch eine Vielzahl, hunderte oder tausende von Arbeitsplätzen in einem Unternehmen mit Bildschirmgeräten ausgestattet, die unter die Anforderungen der Bildschirmarbeitsverordnung fallen, wäre eine Beurteilung eines jeden Arbeitsplatzes zeitaufwendig und kostenintensiv.

Nach den Anforderungen der Aufsichtsbehörden ist es jedoch nicht erforderlich, in diesen Fällen jeden einzelnen Arbeitsplatz zu beurteilen. Die Beurteilung darf sich hier auf vergleichbare und ähnliche Arbeitsplatzgruppen und -typen beschränken. Das heißt, um eine Gruppe vergleichbarer Arbeitsplätze zu erfassen, ist es ausreichend, nur einen Arbeitsplatz dieser Gruppe zu beurteilen.

Vorhandene Standards berücksichtigen

Stehen zudem im Vorfeld der Beurteilung Informationen zur Verfügung, mit denen wichtige Punkte geklärt werden können, läßt sich der Aufwand um ein vielfaches reduzieren. Mit den in einem Betrieb geltenden Standards, wie z.B. Beschaffungsrichtlinien, Arbeitsplatzstandards, Layoutzeichnungen, Messungen der Beleuchtungsstärke, des Lärmpegels, etc. lassen sich alle Arbeitsplätze im Vorfeld der Beurteilung überprüfen, wodurch auf die detaillierte Untersuchung jedes einzelnen Arbeitsplatzes verzichtet werden kann. Die Begehung kann sich erheblich verkürzen und somit reduzieren sich auch Zeit und Kosten für die Beurteilung. Im Rahmen der systemischen Arbeitsplatzbeurteilung besteht daher die Möglichkeit, mehrere Arbeitsplätze gleichzeitig zu bearbeiten und übergeordnet mit Hilfe von Unterlagen gewisse Kriterien zu beurteilen, wenn sie für alle Arbeitsplätze übereinstimmend zutreffen. In diesem Fall wird in einem weiteren Protokollblatt eingetragen, anhand welcher Unterlagen einzelne Kriterien übergeordnet beurteilt werden konnten.

Wurden z.B. aufgrund einer Beschaffungsrichtlinie nur Arbeitsmittel beschafft, die allen Anforderungen genügen, so ist in diesem Fall für das jeweilige Kriterium kenntlich zu machen, daß darüber entsprechende Unterlagen vorliegen. Die jeweiligen Kriterien werden in diesem Fall mit dem Buchstaben B markiert und im Protokollblatt für Begründungen wird auf die entsprechenden Unterlagen verwiesen. Wichtig ist nur, daß die Unterlagen zum übergeordneten "Streichen" einzelner Kriterien jederzeit vorgelegt werden können.

Hierzu ein Beispiel: Aus den Bauzeichnungen des Gebäudes geht hervor, daß die Raumhöhe ausreichend hoch ist. Jetzt kann bei der Begehung auf die Bearbeitung des Kriteriums Raumhöhe verzichtet werden. Im Protokollblatt ist auf die Bauzeichnungen hinzuweisen. Das Element Raumhöhe gilt somit für alle Arbeitsplätze als erfüllt und ist mit dem Buchstaben B markiert (siehe Bild oben).

Der Servicebereich

Rechtsquellen und Normen

Gesetze und Verordnungen
  • Arbeitsschutzgesetz (ArbschG)
    • § 3 Grundpflichten des Arbeitgebers
    • § 5 Beurteilung der Arbeitsbedingungen
    • § 6 Dokumentation
  • Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV)
    • § 3 Beurteilung der Arbeitsbedingungen

Literatur

Hahn, H.; Köchling, A.; Krüger, D.; Lorenz, D.:
Arbeitssystem Bildschirmarbeit
Hg. von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Forschungsanwendungsbericht (Fa) Nr. 31, Dortmund 1995

Hahn, H.; Lorenz, D.:
Die systemische Beurteilung von Bildschirmarbeit - Eine Arbeitshilfe für die Fachkraft für Arbeitssicherheit
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Hg.), Dortmund 1997

 

Verwandte Themen

Letzte Änderung: 1.2.2011

Logo Ergo Online
© 2016 Beratungsstelle für Technologiefolgen und Qualifizierung (BTQ Kassel)

Rechtsquellen
  • Bildschirmarbeits-
    verordnung


mehr

Informationen

Fachhochschule Gießen-Friedberg
Prof. Dr. Lorenz
Fachbereich SUK/Arbeitswissenschaft
http://www.fh-friedberg.de/

Verwandte Themen
Inhaltsverzeichnis