ergo online
Arbeit im Büro gesund gestalten

Expertenwissen
Grundlagen der Gefährdungsbeurteilung

Autorin: Regine Rundnagel

Übersicht 

  • Zur Planung einer Gefährdungsbeurteilung wird ein Grundverständnis des Arbeitsschutzes benötigt.
  • Der Blick auf das Arbeitssystem ermöglicht ein umfassendes und systematisches Vorgehen.
  • Die Prüfung aller grundsätzlich möglichen Gefährdungsfaktoren verhindert "blinde Flecken".
  • Systematische Suche nach Verbesserungen orientiert sich am besten an der Maßnahmehierarchie.

    Wer eine Gefährdungsbeurteilung nach Arbeitschutzgesetz plant, sollte einige Grundbegriffe und Grundlagen des Arbeitsschutzes kennen. So läßt sich die Qualität des Beurteilungsverfahrens verbessern.  

    Von der Belastung zur Erkrankung 

    Das Belastungs-Beanspruchungskonzept ist das gängige Denkmodell zur Erklärung des Prozesses einer arbeitsbedingten ErkrankungBelastungen werden dabei neutral alle Einwirkungen auf den Menschen verstanden und Beanspuchungen als Wirkungen im Menschen.

    • Belastungen - alle Einwirkungen auf den Menschen am Arbeitsplatz
    • Fehlbelastung - die Belastung ist einseitig, zu hoch oder viel zu niedrig
    • Beanspruchungen - Wirkungen im Menschen, Erleben der Belastung 

    Die Folgen andauernder Fehlbelastungen führt zur übermäßigen Beanspruchung des Menschen und das hat Folgen: gesundheitliche Beschwerden und auch Erkrankungen. Das Belastungs-Beanspruchungsmodell hat einen ingenieurwissenschaftlichen Ursprung. Die individuellen Unterschiede der Person wurden hierbei berücksichtigt - ein kräftiger Mensch kann körperliche Belastungen länger ertragen ohne krank zu werden - , die Bedeutung des betrieblichen Umfeldes wurde erst in einer erweiterten Form aufgenommen.  

     

    Bild 1: Erweitertes Belastungs-Beanspruchungs-Modell am Beispiel Zeitdruck.

    Ressourcen als Kraftquellen 

    In der Stressforschung wurden die Prozesse der Bewertung und Bewältigung der stressauslösenden Situation (Stressor) genauer erforscht und die Bedeutung der Ressourcen herausgearbeitet. Das sind die Merkmale der Arbeitssituation und der Person, die positiv wirken und es ermöglichen mit Belastungen besser umzugehen, bzw. die stressende Situation als nicht bedrohlich zu bewerten.

    • Ressourcen - Merkmale der Arbeitssituation und des Menschen, die zur besseren Bewältigung von Belastungen beitragen

    Sind die Ressouren im Betrieb und bei der Person hoch, muss eine Belastung nicht zu einer Fehlbelastung werden. Die wichtigsten Ressourcen der Arbeitssituation bei der Stressbewältigung sind der Handlungsspielraum und die soziale Unterstützung, auch die Einflussmöglichkeit auf die Arbeit gehören dazu.  

    Wenn man seine Arbeit selbst bestimmen kann, kann man schwierige Aufgaben zum Beispiel dann bearbeiten, wenn es besonders ruhig ist oder wenn man sich besonders fit fühlt, oder man kann bestimmte Zusatzaufträge, die einen überlasten würden, ablehnen. Wer keine Einflussmöglichkeiten hat, ist den Belastungen sozusagen "wehrlos" ausgeliefert. 

    Bild 2: Arbeitspsychologische Stessmodell. (Quelle: Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege 2006)

    Das Verständnis von dem Zusammenspiel von Belastungen bzw. Stressoren und Ressourcen ist die Grundlage der Betrieblichen Gesundheitsförderung, bei der nicht mehr allein gefragt wird "Was macht den Menschen krank?", sondern auch "Was macht den Menschen gesund?".  Dieser erweiterte Blick, der seinen Urspruch im sogenannten salutogenetischen Denkmodell hat, ermöglicht es, Maßnahmen zur Stärkung der Ressourcen im Betrieb zu entwickeln. Der Fragebogen KFZA zur Erfassung psychischer Belastungen enthält neben Fragen zu Belastunen auch solche zu Ressourcen.

    Das Arbeitssystem

    Wer Gefährdungen ermitteln, Risiken bewerten und Maßnahmen ergreifen will, muss sich über das Arbeitssystem klar werden, in der der Arbeitsplatz oder die Arbeitstätigkeit angesiedelt ist. Die Beschreibung des konkreten Arbeitssystems sichert eine vollständige Erfassung der Gefährdungen und ein ganzheitliches Herangehen. Hier wirken Personal, Technik und die Organisation zusammen. Es geht also nicht nur um einzelne Faktoren oder Elemente - wie Lärm oder Arbeitsstuhl. Ohne Betrachtung der Prozessabläufe läßt sich die mögliche Gefährdung also nicht ermitteln. 

    Arbeitssystem

    Bild 1: Elemente des Arbeitssystems (Quelle: Verwaltungs-Berufsgenossenschaft)

    Gefahrenquellen und Restrisiken

    Gefahrenquellen am Arbeitsplatz müssen nicht zwangsläufig zu einem gesundheitlichen Schaden führen. Die von einer Gefahrenquelle ausgehenden Gefährdungsfaktoren können unter Umständen im Arbeitsalltag unbemerkt bleiben und führen nur beim Zusammentreffen von bestimmten Umständen zu einer Gefährdung eines Menschen. Eine defekte Elektrosteckdose (Gefahrenquelle Steckdose, elektrische Gefährdungsfaktoren) hinter einem Schrank wird erst dann zu einem nicht akzeptablen Risiko, wenn umgeräumt wird und sie für alle zugänglich wird.

    • Von den Gefahrenquellen in den verschiedenen Elementen des Arbeitssystems gehen unter bestimmten Umständen Gefährdungen aus. Sie können zu Verletzungen (Unfälle), Erkrankungen, zu gesundheitlichen Beschwerden oder Störungen des Wohlbefindens führen. 
    • Gefährdungsfaktoren beschreiben die Eigenschaften der Gefahrenquellen.
    • Gefährdungen entstehen dann, wenn eine Person mit einer Gefahrenquelle zusammentrifft. Das kann räumlich oder zeitlich passieren und zu schädigenden Wirkungen führen. Körperliche oder psychische Belastungen können zu Gefährdungen werden, wenn sie den Menschen überbeanspruchen.
    • Das Risiko eines Gesundheitsschadens ist die Wahrscheinlichkeit für einen möglichen Schaden (Verletzung, Erkrankung, Gesundheitsbeschwerden) und dessen Schwere. Es muss bewertet werden. 
    • Ist das Risiko nicht akzeptabel, besteht eine Gefahr für die Gesundheit.

    Welche Gefährdungsfaktoren gibt es? 

    Die Gesundheit wird am Bildschirmarbeitsplatz gefährdet, wenn z. B. durch einen zu hohen Arbeitstisch und eine fehlende Fußstütze die Füße nicht auf dem Boden stehen können. Rücken und Beine werden dadurch überbeansprucht. Eine psychisch wirkende Gesundheitsgefahr stellt Lärm dar oder die fehlende Schulung für ein Computerprogramm. Beides führt zu erhöhtem Stress, der auf Dauer körperliche Folgen haben kann. In der Grafik sind die wichtigsten Gefährdungsfaktoren aufgelistet: Gefährdungsfaktoren

    Beispiele für Gefährdungsfaktoren bei der Büroarbeit:

    • Mechanische Gefährdungsfaktoren: gefährliche Oberflächen an Tischen und Schränken, ungesicherte überladene Regale, einklemmen bei Schubläden
    • Psychische Gefährdungsfaktoren: überfordernde Arbeitsaufgaben wegen fehlender Qualifikation,  Konflikte im Teams, unergonomische Software
    • Gefährdung durch Schall: Störungen der Konzentration und Sprachverständigung durch Lärm
    • Elektrische Gefährdungsfaktoren: Gefährliche Körperströme durch schadhafte Elektrogeräte, elektrostatische Aufladung
    • Gefahrstoffe: Reinigungsmittel, Gase aus lösemittelhaltigen Materialien
    • Gefährdung durch Brände, Explosionen: Kurzschlüsse in Elektrogeräten
    • Gefährdung durch Strahlungen: Elektromagnetische Felder bei Bildschirmgeräten
    • Gefährdungen durch Klima: Hitze im Sommer, Zugluft, zur geringe Luftfeuchtigkeit
    • Gefährdungen durch thermische Medien: Heiße Elektrogeräte
    • Gefährdung durch Beleuchtung: Blendungen
    • Gefährdungen durch Farbe: Monotonie durch zu geringe Kontraste im Raum
    • physische Gefährdungsfaktoren: einseitige Körperhaltung am Bildschirm
    • biologische Gefährdungsfaktoren: Schimmelpilze, Verkeimung von Klimageräten 

    Gefährdungen können auch von Menschen ausgehen (Überfall in einer Bank) oder von Tieren. Gefährdungen können zusammenwirken und sich gegenseitig verstärken.

    Bewertung von Gefährdungen

    Die Bewertung einer Gefährdung oder Belastung ist notwendig, um das Risiko für die Gesundheit oder auch das Leben einzuschätzen. Sie kann nach unterschiedlichen Verfahren erfolgen:

    • Vergleich mit den normierten Schutzzielen (Sollwerten aus dem arbeitswissenschaftlichen Regelwerk, z.B. staatliche Technisch Regeln wie z.B. Arbeitsstättenrichtlinien, Berufsgenossenschaftliche Vorschriften,  Berufgenossenschaftlichen Informationen und Normen) - hier gibt es Richtwerte z. B. für Tischhöhen oder z. B. für Lärm
    • Vergleich mit bewährten sicheren und gesundheitsgerechten Lösungen aus den arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen (Veröffentlichungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Berufsgenossenschaftliche Informationen, Normen, VDI-Richtlinien)
    • Anwendung von besonderen Methoden der Risikoeinschätzung, die gutes Fachwissen erfordern (vgl. dazu Gruber/Miedel 2003)

    Werden im Bereich der Analyse psychischer Belastungen Fragebögen eingesetzt, so kann mit dem Vergleich eines Abteilungsergebnisses mit dem Gesamtergebniss eine Bewertung (fällt eine Abteilung besonders negativ auf?) erfolgen. Auch der Vergleich zu anderen Betrieben, falls hier Ergebnisse zu Hand sind, kann hier die Bewertung stützen. Manche Befragungsinstrumente ermöglichen die Bewertung durch entsprechenden Zahlenvorgaben. Zur Bewertung der psychischen Belastungen lassen sich auch die Leitlinien für humane Arbeitsgestaltung aus Normen heranziehen.

    Maßnahmen nach Hierarchie

    Technische oder bauliche Maßnahmen zur Verminderung von Gesundheitsgefahren sollten grundsätzlich zuerst in Erwägung gezogen werden, es sei denn es handelt sich um Maßnahmen zur Minderung von psychischen Belastungen. Sie sind am wirksamsten. Das Arbeitsschutzgesetz fordert ein solchen Vorgehen: Gefahren sind zu vermeiden bzw. an der Quelle zu bekämpfen. 

    Die Hierarchie der Schutzmaßnahmen ermöglicht ein systematisches Entwicklung von Lösungen, beginnend bei der Stufe 1, der Vermeidung von Gefahren. Die Realisierung ist hier am schwierigsten, die Wirkung am weitesten. Verhaltensbezogene Maßnahmen lassen sich am leichtesten umsetzen, haben allerdings die geringste Reichweite und Wirksamkeit.  

    Bild 3: Ziel- und Maßnahmehierarchie im Arbeitsschutz (Quelle: Verwaltungs-Berufsgenossenschaft)

    Der Servicebereich

    Literatur und Links:

    Zum Einlesen:

    Gewerkschaft ver.di:
    Online-Portal Gefährdungsbeurteilung
    mit vielen Informationen und Verweisen

     
     Zum Vertiefen:
     
    Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Hrsg.):
    Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Erfahrungen und Empfehlungen.
    Berlin (Erich Schmidt Verlag) 2013
     
    DGUV Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (Hrsg.):
    Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen - Tipps zum Einstieg.
    Berlin 2013, download unter www.dguv.de

    Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Hrsg.):
    Ratgeber zur Gefährdungsbeurteilung. Handbuch für Arbeitsschutzfachleute.
    Loseblattsammlung, Bremerhaven (Wirtschaftsverlag NW Verlag für neue Wissenschaft GmbH) 1. Auflage 2010

    Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz:
    Datenbank "Instrumente der Gefährdungsbeurteilung"
    http://osha.europa.eu unter gute praktische Lösungen

    Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin:
    Portal Gefährdungsbeurteilung mit Datenbank
    www.gefaehrdungsbeurteilung.de  (vernetzt mit der Datenbank der Europ. Agentur)

    Sujet/Hans-Böckler-Stiftung/ver.di Genderpolitik (Hrsg.):
    Arbeitsbedingungen beurteilen - geschlechtergerecht. Gender Mainstreaming in der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen.
    Düsseldoft 2010, Bezug bei Gewerkschaft ver.di Berlin und Sujet Organisationsberatung Hamburg
     

    Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (Hrsg.):
    Berufsgenossenschaftliche Information BGI/GUV-I 8700: Gefährdungs- und Belastungs-Katalog.
    Beurteilung von Gefährdungen und Belastungen am Arbeitsplatz.
    Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung 2009, download unter www.arbeitssicherheit.de

    Peter Martin, Jochen Prümper, Gerd von Harten:
    Ergonomie-Prüfer zur Beurteilung von Büro- und Bildschirmarbeitsplätzen (ABETO).
    Frankfurt/Main (Bund-Verlag) 2008

    Projekt Gute Arbeit:
    StressBarometer: Psychische Belastungen beurteilen - aber wie?
    Arbeitshilfe zur Ermittlung psychischer Belastungen im Betrieb, Broschüre mit CD, IG Metall, Frankfurt 2007, zu bestellen unter www.igmetall.de/shop  

    Holm, Matthias/Geray, Max:
    Intergration der psychischen Belastungen in die Gefährdungsbeurteilung.
    hg. von Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, in Kooperation mit der Initiative Neue Qualität der Arbeit INQA
    Dortmund 2007, 2. Auflage, download unter www.inqa.de

    H. Szymanski, BIT e.V., Bochum:
    Alter(n)ssensible Gefährdungsbeurteilung.
    Powerpointvortrag auf der Messe DieMit, Bremen 2006, download unter http://2006.diemit.de/ 

     
    Bücher und Broschüren zu Psychischen Belastungen, Stress und Mobbing
     
    Bücher und Broschüren zu Gefährdungsbeurteilung
     

    Verwandte Themen

    Letzte Änderung: 15.04.2009

    Logo Ergo Online
    © 2016 Beratungsstelle für Technologiefolgen und Qualifizierung (BTQ Kassel)

    Literaturtipps
    • BGI 8700 Gefährdungs- und Belastungs-Katalog.


    mehr

    Verwandte Themen
    Inhaltsverzeichnis