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Arbeit im Büro gesund gestalten

Gender Mainstreaming bei der Gefährdungsbeurteilung

Von wegen geschlechterneurtral

Die Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen und psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen u.a. sind in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik genommen worden. Es wird davon ausgegangen, dass immer mehr Erwerbstätige durch steigende Anforderungen und zunehmende Belastung der Arbeit an Stress und psychischen Beschwerden leiden und infolgedessen erkranken. Die Krankenkassen stellen fest, dass der Anteil der psychischen Erkrankungen an den Krankschreibungen stetig zunimmt.

Man kann feststellen, dass einerseits die tatsächlichen Belastungen bei der Arbeit zugenommen haben, andererseits aber auch die öffentliche Aufmerksamkeit für psychische Erkrankungen – auch mit dem Bewusstsein der Ursachen in der Arbeitswelt – erheblich zugenommen hat. Gleichzeitig ist belegt, dass die Gefährdungsbeurteilung in den Betrieben insgesamt nur wenig umgesetzt wird. Nur 28 Prozent aller Beschäftigten geben laut Gute Arbeit Index an, dass bei ihnen eine Gefährdungsbeurteilung durchgeführt wurde. Nur 33 Prozent der Beschäftigten, deren Arbeit einer Gefährdungsbeurteilung unterzogen wurde, wurden dabei nach Stressfaktoren befragt, die sie psychisch belasten. Demnach wurden nur 9 Prozent aller Beschäftigten im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung gefragt, ob sie sich bei ihrer Arbeit z.B. einem Übermaß an Arbeitsmenge, Zeitdruck oder problematischem Führungsverhalten ausgesetzt sehen. Wer die betriebliche Praxis kennt weiß, dass selbst dort, wo die Beschäftigten befragt werden, oft kaum wesentliche Veränderungen auf den Weg gebracht werden. Eine umfassende Gefährdungsbeurteilung, die die Umsetzung von Maßnahmen und die Überprüfung ihrer Wirksamkeit einschließt, dürfte bisher nur in wenigen Betrieben tatsächlich stattgefunden haben. Allerdings steigt die Zahl derjenigen, die sich hier auf den Weg machen, offensichtlich kontinuierlich an.

Gender Mainstreaming bedeutet auch in den Bereich des Arbeits- und Gesundheitsschutz die Auswirkungen von Aktivitäten und Konzepten auf Frauen und Männer zu überprüfen. Wenn bisher mit vermeintlich objektiven Methoden in Betrieben Gefährdungsbeurteilungen durchgeführt wurden, wurde davon ausgegangen, das Vorgehen sei geschlechtergerecht, da man meinte, es sei geschlechterneutral. Auf diese Weise wurden viele Aspekte und Belastungsfaktoren nicht erkannt, da Geschlechterrollenbilder und Zuschreibungen dazu führten, dass bestimmte Fragen nicht gestellt wurden aber auch Antworten nicht auf den Tisch kamen, die für Beschäftigte tabuisiert waren. Mit dem Projekt Gender/Stress konnte gezeigt werden, dass Geschlechterrollenbilder einen bedeutsamen Einfluss auf die konkrete Ausprägung der Arbeitsbelastungen für Frauen und Männer haben. Zugleich prägen diese Geschlechterrollenbilder, was als Belastung wahrgenommen wird und was als Selbstverständlichkeit und „Normalität“ als unproblematisch angesehen wird. So bleibt die Freundlichkeit der Verkäuferin als psychische Belastung genauso unterbewertet wie die Angst des Polizisten – um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Bilder und Stereotype wirken auf Männer und Frauen und schränken sie in ihren Handlungsmöglichkeiten ein – gerade dort, wo es um Zugänge zu Ressourcen wie soziale Unterstützung und das Thematisieren von Belastungen geht.

Mit der Broschüre soll das Thema betrieblichen Interessenvertretungen näher gebracht werden. Die Handlungshilfe soll sie dabei unterstützen, eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen unter Genderperspektive auf den Weg zu bringen und mitzugestalten. Das Vorgehen wird hier konkret und mit Beispielen erläutert und es werden Anregungen, Hinweise und Erfahrungen weitergegeben.

Die Handlungshilfe umfasst 76 Seiten und kann kostenlos heruntergeladen werden. Zum Kopieren in den Browser: http://www.verdi-gefaehrdungsbeurteilung.de/upload/arbeitsbedingungen-beurteilen-geschlechtergerecht.pdf

 

 

 

 

 

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