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Arbeit im Büro gesund gestalten

Der Sammelwut Grenzen setzen

Wie Betriebs-Software die Beschäftigten überwacht

Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist bereits weit fortgeschritten: Das Internet ist zum zentralen Kommunikationsmedium geworden. Häufg fndet die Arbeit in der „Cloud“ statt, losgelöst von festen Zeiten und Orten. Die Fabriken sind heutzutage „smart“, die Maschinen vernetzt. Jeder Arbeitsschritt lässt sich sekundengenau erfassen und auf Effizienz hin überprüfen. Dieser „hochflexiblen neuen digitalen Arbeitswelt“ stehe ein Beschäftigtendatenschutz gegenüber, der immer noch sehr „analog“ ist, schreibt der Arbeitsrechtler Peter Wedde. Der Gesetzgeber komme kaum hinterher, wenn es um die Wahrung von Persönlichkeitsrechten der Beschäftigten geht. Eine Anpassung der Regeln erfolge – wenn überhaupt – gewöhnlich erst nach der Einführung neuer Technologien. Und nicht selten würden die Gesetze dann einfach missachtet – teils unwissentlich, teils mit voller Absicht: „Datenschutz wird in der betrieblichen Praxis teilweise als Behinderung der eigenen Gestaltungs- und Organisationsmöglichkeiten angesehen.“

Ein aktuelles Beispiel: Eine Reihe von Firmen setzt inzwischen auf interne soziale Netzwerke. Solche facebook-artigen Plattformen sollen für einen schnelleren Austausch von Informationen sorgen. Standardmäßig wird dabei jede Eingabe mit einem Zeitstempel versehen – so lässt sich später nachvollziehen, wie lange es gedauert hat, ehe ein Beschäftigter auf eine Anfrage reagiert hat, oder wie viel Zeit er für die Erledigung einer Aufgabe gebraucht hat. Benötigt er zu lange, geht ein Hinweis an den Vorgesetzten. In der Fallbearbeitung bei Versicherungen kommen solche Verfahren bereits zum Einsatz. Und das ist erst der Anfang. Längst ist es möglich, auch den Inhalt der Kommunikation oder das Handeln von Beschäftigten systematisch auszuwerten. Wie bei einer Rasterfahndung werden so bestimmte Muster erkennbar: Ein Mitarbeiter baut zum Beispiel sein Gleitzeitpolster ab, leitet weniger Mails weiter, verbringt weniger Zeit mit dem Lesen dienstlicher Nachrichten und legt häufger Raucherpausen ein – aus diesen Verhaltensänderungen könnte eine entsprechende Software schließen, dass er an eine Kündigung denkt und automatisch einen Hinweis an die Personalabteilung senden. Mit vergleichbaren Methoden könnten auch Beschäftigte, die einen Betriebsrat gründen wollen, frühzeitig „überführt“ werden. Dort, wo es bereits einen Betriebsrat gibt, kann dieser gegen unzulässige Überwachung einschreiten. Wenn Technologien zum Einsatz kommen sollen, mit denen sich Verhalten oder Leistung von einzelnen Beschäftigten kontrollieren lassen, haben die Interessenvertreter laut Betriebsverfassungsgesetz ein starkes Mitbestimmungsrecht. Doch dieses wird nach Ansicht des Arbeitsrechtlers in der Praxis inzwischen vielfach ausgehöhlt.

Mehr dazu im Böckler Impuls 18/2017

Der komplette Text: Peter Wedde: Beschäftigtendatenschutz in der digitalisierten Welt, Friedrich-Ebert- Stiftung, Wiso-Diskurs 09/2017

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